Fuchs, du hast die Gans gestohlen

Wenn ich die aktuellen Meldungen um den Ankauf gestohlener Daten von Steuerhinterziehern verfolge, schwanke zwischen Belustigung, Empörung, Faszination, Abscheu und Neugier. Ich beginne mal mit letzterer. Was geht hier eigentlich vor?
Zuerst sieht es so aus, als handele es sich nur um eine weitere Posse politischer Eitelkeiten. Aber es steckt mehr dahinter. Auch hier geht es ums Ganze! Und das offenbart sich wieder einmal in unlösbar scheinenden Widersprüchen. Die Daten nicht zu kaufen wäre eine Schande. Sie zu kaufen scheint aber irgendwie auch eine zu sein.
Warum aber fangen Politiker aller Parteien und beteiligter Länder an, wild herum zu gackern wie Hühner in einem Hühnerstall, in das der Fuchs eingebrochen ist? Das Niveau von Daily Soaps erscheint im Vergleich wie großes Kino.

Hochkonjunktur hat dabei ein Begriff: Raubrittertum. Die FDP nannte Steuererhöhungen für Reiche „Raubrittertum und Wegelagerei“. Die SPD geißelte das Gebaren von Liechtenstein als „moderne Form des Raubrittertums“. Und nun schreibt die rechtsnationale Schweizer Volkspartei SVP dieses Attribut uns Deutschen zu: „Der deutsche Staat lebt sein Raubrittertum ungeniert aus…“. Im Hühnerhaufen pickt also derzeit fast jeder gegen jeden. Aber wer ist der Fuchs?

Bei aller Sympathie dafür, ein paar superreiche Steuerflüchtige dranzukriegen, der Kauf geklauter Daten ist natürlich nicht die feine Art. Was aber manche Schweizer derzeit vom Stapel lassen („Kriegserklärung!“) lässt jeden auch nur laienhaft psychologisch geschulten fragen: „Wer da so laut schreit ‚Haltet den Dieb!‘, was hat denn der da in der Tasche?“ Die Schweizer Taschen sind randvoll. Mit Geldern derer, die sich der „steuerlichen Raubritterei“ ihres Heimatlandes nur durch beherzte Flucht mit dem Geldkoffer über die Grenze entziehen konnten, wo sie noch Verständnis bekommen dafür, dass Reiche unbehelligt immer reicher werden wollen. Und sich nicht gerne mit lästigen Fragen plagen wie der, welche Folgen das für andere Menschen haben könnte. Haben wird.

Aber es kommt noch besser:

  • Ein Deutscher Kunde hat erfolgreich Schadensersatz von seiner Liechtensteiner Bank erstritten, weil die ihn nicht davor gewarnt hat, dass der illegale Deal auffliegt. Das macht zumindest klar, dass mancherorts Kriminalität nicht nur gedeckt wird, sondern deren Enttarnung sogar noch entschädigt. Eine staatliche Versicherung für Kriminielle sozusagen.
  • Ein deutscher Multimillionär klagt gegen seine Schweizer Großbank, weil diese ihm einen Schein-Wohnsitz in der Schweiz aufgedrängt habe. „Relocation Planning“ nennen die das elegant. Er sei ahnungslos auf den Trick hereingefallen und müsse jetzt dick nachzahlen. Er sollte noch Schmerzensgeld für die Verletzung seines Grundvertrauens fordern. Denn das anständige Schweizer einem Illegales empfehlen, wer kommt denn darauf?
    Darauf kommt nur wer weiß, dass die Schweiz, die ja derzeit voller Inbrunst auf der Respektierung ihrer nationalen Gesetze im Ausland besteht, Ambitionen auf den Weltmeistertitel in Doppelmoral hegt. Der Titel wird aber genau wie ein Nummernkonto ganz diskret vergeben, er steht in keiner Zeitung!
  • Aber wir wollen gerecht sein. Es ist unfair alle Schweizer über einen Kamm zu scheren. Ein Berner Gericht befand es kürzlich für rechtens, einen Schweizer Bürger mithilfe geklauter Daten der Steuerhinterziehung zu überführen. Droht der Schweiz ein Bürgerkrieg?

Wäre hier und jetzt nicht die Frage angebracht, was eigentlich meine eigene Häme hier so beflügelt? Was sagt der Hobbypsychologe? Genau! Der hat da auch selbst was laufen mit dem Thema Steuern! Stimmt!
Hier also meine rechtzeitige Selbstanzeige:

  • Ich habe selbst Steuern hinterzogen und mich einer Bestrafung seinerzeit durch rechtzeitige Selbstanzeige einen Tag vor der Außenprüfung entzogen. Ja, es war im letzten Jahrtausend (ziemlich am Ende desselben), aber immerhin. Und es ging um Summen, für die würde kein Finanzminister mit der Wimper zucken. Aber ich habe damals einige Nerven verloren und graue Haare dazu gewonnen. Beides hat mich reifen lassen.
    Und ganz im Ernst: es war eine ziemliche unreife Wut gegen den Staat, die mir meine „steuerliche Selbstjustiz“ als durchaus angemessen erschienen ließ. Die Lektüre von „1000 ganz legale Steuertricks“ hatte mich mit Ideen versorgt. Im diesem Buch wurden die Tipps jenseits der Legalität natürlich so verklausoliert angepriesen, dass Autor Konz sich auf der sicheren Seite fühlen kann. Nein, ich habe ihn nicht verklagt. Auch nicht wegen der grauen Haare.
  • Vor einigen Jahren hatte ich eine weitere Steuerprüfung. Dabei lernte ich dann, dass Außenprüfer des Finanzamtes etwas „finden“ müssen (und danach bezahlt werden), und dass clevere Steuerberater empfehlen, bewusst einige „Fehler“ einzubauen, um Schlimmeres zu verhüten. Das hätte ich vorher wissen sollen. Mit meiner neugewonnenen Korrektheit dachte ich auf der sicheren Seite zu stehen. Weit gefehlt. Jetzt streite ich mich vor dem Finanzgericht um viel Geld, nämlich um die Umsatzsteuerbefreiung, die mir als Heilpraktiker im Prinzip zusteht. Aber über Details lässt sich eben immer streiten…
  • Mein Vertrauen in die deutsche Gerichtsbarkeit nimmt leider nicht gerade zu, wenn mir meine Anwältin in schöner Regelmäßigkeit empfiehlt, nicht allzu sehr auf einen baldigen Verhandlungstermin zu dringen, um den Richter nicht zu verstimmen, der bestimmt viel viel Arbeit hat. Ach ja, das Verfahren läuft seit Ende 2006, ohne dass auch nur ein einziger Gerichtstermin stattgefunden hätte…

Also ich habe da auch so meine eigenen Erfahrungen. Die sehe ich aber inzwischen eher sportlich. Dabei sein ist alles. Mit dieser Haltung wird doch alles zu einer Erfahrung, die uns weiterbringt, oder?

Und damit weg von mir, denn ich bin ja echt nur ein kleines unbedeutendes Hühnchen im Stall. Aber Gackern, das kann ich natürlich auch.

Zurück zur tieferen Bedeutung der ganzen Steuer-Posse. Aber bevor ich’s vergesse. Eine Possensteuer auf politische Statements, das fände ich einen echt diskussionswürdigen Beitrag zur Lösung der Finanzkrise…

Gestern sah ich den Actionfilm „Robin Hood – König der Diebe“. Darin zeigt sich unabweisbar und für jeden Popkornfan nachvollziehbar – die tiefe Würde, die dem Stehlen von Eigentum eigen sein kann. Er nahm es den Reichen und gab es den Armen. Aber damit nicht genug. Er besiegte den skrupellosen Thronschleicher und rettete dem König sein Land. Ein solcher Raubritter, der es mit den gemeinsten Schurken aufnimmt, Diebe zu wahrem Stolz führt und nebenbei das Herz der schönsten Frau erobert: wer könnte so ein Raubritter heute noch sein? Der Informant, der die Daten gestohlen hat und zum Kauf anbietet? Darf es noch eine Nummer größer sein?

Er müsste es mit dem Fuchs aufnehmen. Aber wer ist der Fuchs? Ein schlauer Fuchs wäre derjenige, der heute die Eigentumfrage neu stellt. Wenn nicht mehr klar ist, wer wem was stehlen und wer es wem verhökern darf, drängt sich hier nicht die Frage auf, wem überhaupt was gehören darf? Mit dieser Frage, ja da wäre was los im Hühnerstall! Da kämen sogar die Hähne ins Schwitzen.
Dürfen ein Mensch mehr Geld besitzen als eine Million anderer Menschen zusammen? Dürfen Menschen soviel Geld besitzen, dass sie ganze Regierungen damit kaufen können? Dürfen Menschen soviel Geld besitzen, dass sie Investieren mit Zocken verwechseln? Dürfen einzelne Menschen soviel Geld besitzen, dass von ihren individuellen Entscheidungen Wohl und Wehe des ganzen Planeten abhängen?

Ich weiß, diese Frage ist ein Tabu. Unser goldenes Kalb. Ich glaube, die ganze Steuerdebatte stünde in einem anderen Licht, wenn wir uns jetzt diese eine Frage leisten würden: Wo liegen die Grenzen des Eigentums?
Sie sind, so glaube ich, ähnlich den Grenzen des Ich. Auch das Ego ist eine Art Eigentümlichkeit.
Beide, Eigentum und Ego, sind letztlich eine zwar nützliche Erfindung, aber doch auch eine Illusion. Aber das ist ein weiteres weites Feld. Genug für heute.

Oder was meinen Sie, liebe Leserin, lieber Leser?

Herzlich grüßt Sie

Saleem Matthias Riek

PS: Hier noch die dritte Strophe des eingangs erwähnten Kinderliedes Fuchs, du hast die Gans gestohlen:
„Liebes Füchslein, lass dir raten, sei doch nur kein Dieb, sei doch nur kein Dieb!
Nimm, du brauchst nicht Gänsebraten, mit der Maus vorlieb, nimm, du brauchst nicht Gänsebraten, mit der Maus vorlieb!“

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Sex in der Kirche

„Sex während der Andacht“ titelt heute die Badische Zeitung einen Bericht „aus aller Welt“, in diesem Fall aus Rennertshofen (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen / Bayern). Und ich dachte schon, dass tantrische Rituale jetzt in deutschen Kirchen Einzug halten.

Aber weit gefehlt. Ein Pärchen hatte sich lautstark während einer Morgenandacht mit 25 Besuchern auf der Empore der barocken Pfarrkirche vergnügt.
Bei einer Verurteilung, so heißt es weiter, drohen dem erwischten und sofort aus seinem Dienst suspendierten jungen Polizisten im schlimmsten Fall bis zu drei Jahre Haft.

Ob fahrlässige Tötung wohl weniger kompromittierend für den armen Teufel gewesen wäre?

Komischerweise bemerkte niemand das unmittelbar nach der Vorfall einsetzende schallende Gelächter. Es kam wie aus heiterem Himmel. Ich konnte es noch Tage später bis hier nach Freiburg hören. Hören Sie es auch?
Gott und Göttin dort oben haben Humor. Der muss in unseren Kirchen wohl noch warten, bis seine Zeit gekommen ist. Ich danke jedenfalls dem jungen Paar für die mutige Vorarbeit.

Herzliche Grüße

und ein lust- und liebevolles neues Jahr wünsche ich Ihnen

Saleem Matthias Riek

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Krieg und Frieden

Vor einigen Tagen nahm Barack Obama den Friedensnobelpeis entgegen. Gestern hörte ich in seine Rede in Oslo. Unter dem Hauptfokus diese Blogs „Wie gehen wir mit Widersprüchen um“ war ich höchst gespannt, wie er als Kriegspräsident den Friedenspreis entgegen nehmen würde.

Die Süddeutsche Zeitung fand seine Rede ärgerlich, weil er dazu stand, dass seiner Meinung nach Krieg manchmal notwendig sei – allerdings durchaus nicht hinreichend! – um dauerhaften Frieden zu schaffen. Ich finde Obama’s Position höchst angreifbar und bin durchaus nicht in allen Punkten seiner Meinung. Dennoch war diese Rede für mich ein höchst gelungenes Beispiel für das, worin Obama allen anderen mir bekannten Politikern um Längen voraus ist: er kann in Widersprüchen denken und diese und seine Haltung dazu verständlich kommunizieren.

Es war eben keine Rede, wie sie vielleicht seine Anhänger aus der Friedensbewegung sicher gerne hätten hören wollen. Es war keine Rede eines Gutmenschen, der so tut als müsse er sich als amerikanischer Präsident nicht die Finger schmutzig machen. Es war auch keine Rede, wie sie unsere deutschen Politiker bis zum Erbrechen gerne halten, wenn sie Eiertänze darum herum veranstalten, wie sie etwas sagen können, ohne wirklich etwas zu sagen, und sich dann später gegenseitig der Lüge bezichtigen, wie aktuell im Zusammenhang mit dem Tanklasterbombardement bei Kundus.

Kürzlich las ich das neue Buch von Rüdiger Dahlke „Die Schicksalsgesetze“, worin er als wohltuende Antwort auf den esoterischen „The Secret“-Boom betont, dass wir nur dann mit unseren Wünschen und Anliegen echte und dauerhafte Resonanz aufbauen können , wenn wir zuvor auch den Gegenpol in uns und in der Welt anerkennen. Obama tut das, und ich finde das wegweisend, gerade auch weil er damit nicht den Eindruck erweckt, wir könnten alle die Hände in den Schoß legen und ihn machen lassen. Nein, es ist unser aller Verantwortung, unsere Antwort darauf zu finden, dass es Krieg gibt in der Welt und wir es uns anders wünschen.

Was ist Ihre Antwort?

Ich wünsche uns allen eine friedensstiftende Weihnachtszeit.

Herzlich

Saleem Matthias Riek

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Was heißt hier bewusst?

Gedanken zum Bewusstseins-Symposium

Am vergangenen Samstag besuchte ich im Rahmen der „Baseler Bewusstseinstage“ ein Symposium zum Thema Bewusstsein. Acht Referenten (Sieben Männer und eine Frau) trugen ihre Sicht auf das Phänomen Bewusstsein vor. Hier eine kleine Auswahl einiger Kernthesen (die Reihenfolge ist beliebig):

  • Jeder ist der Mittelpunkt seines Lebens. Probleme bekommen wir dann, wenn wir glauben, dass wir auch für andere Mittelpunkt sein oder andere für uns Mittelpunkt sein können.
  • Das individuelle Ich ist eine Illusion. Die einzige Wirklichkeit ist das Zeugengewahrsein. Es gibt nichts zu tun. Befreiung liegt darin, das leben so anzunehmen wie es ist.
  • Wir leben in einer Welt der Polarität. Gott hat allen Wesen die Freiheit gegeben, sich ihm und damit der Einheit aller Schöpfung zu oder abzuwenden.
  • Wir existieren einzig und allein der Liebe willen.
  • Alles ist bereits vorhanden. Wir können unser Leben vollständig nach unseren eigenen Wünschen erschaffen, indem wir uns konsequent in innere Resonanz mit dem begeben, was wir uns äußerlich wünschen. Dann finden wir immer einen freien Parkplatz, und das ist nur der Anfang.
  • Versprechungen und Umschmeichelung des Ego ist ein Zeichen der Abwendung von Gott.
  • Mit harmonischen Klängen beseitigen wir emotionale Blockaden und öffnen uns für neues Bewusstsein.
  • Versuche, das Ego zu überwinden und die Hoffnung, das Leben kontrollieren zu können, dienen der Vermeidung kindlichen Schmerzes, den wir noch in uns tragen. Indem wir diesen bewusst wieder erleben können wir uns von ihm befreien.
  • Alles ist Information. Auch Materie ist quantenphysikalisch gesehen Information. Das Leben ist dazu da, ständig neue Informationen hervorzubringen. Um das Leben zu meistern sind wir gut beraten, möglichst viel über die Zusammenhänge des Lebens zu wissen.
  • Lass alle deine Gedanken und Gefühle zu und lass sie wieder los. Lass Liebe beständig durch dich fließen wie der Rhein durch Basel fließt.

Wir Zuhörer nehmen all das meist ohne Fragen auf und applaudieren nach jedem Vortrag höflich. Was war jetzt noch gleich Bewusstsein? Wir haben acht Experten gehört, von denen jeder seine ganz spezielle Perspektive auf das Phänomen Bewusstsein hat. Und nicht nur das, alle tragen ihre Erkenntnisse so vor als seien sie das Ei des Kolumbus. Diese acht Expertisen stehen nun alle im Raum. Sie sind nicht nur sehr unterschiedlich, nein sie schließen sich oft gegenseitig aus oder führen zu komplett gegensätzlichen Konsequenzen, was unser Verhalten im Alltag angeht.

Was jeder einzelne von uns damit anfängt, bleibt ungesagt. Sucht sich jeder das aus, was er oder sie hören oder glauben will, sowieso schon weiß oder schon lange geahnt hat?

Hier ist meine These zum Thema Bewusstsein: es ist widersprüchlich. Niemand hat bis heute diese Widersprüchlichkeit überwunden, ohne selbst neue Widersprüche zu erzeugen. Manche glauben oder behaupten allerdings, dass sie sich mit ihrem Bewusstsein jenseits der Widersprüchlichkeit des Lebens befinden. Werden wir selig, wenn wir daran glauben?
Und was lernen wir daraus? Oder gibt es hier gar nicht zu lernen?

Diese Entscheidung lasse ich gerne Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser. Ich freue mich jedoch, wenn Sie mich an Ihrer Wahrheit, sei es Zustimmung oder Widerspruch, teilhaben lassen….

Herzlich

Saleem Matthias Riek

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Was bewegt uns?

Eine einfache Frage. Aber sie hat es in sich. Sie kann uns in den Kern unseres Seins führen. Was bewegt uns zutiefst? Und was wissen wir überhaupt darüber?
Wir können die Frage natürlich spontan und leicht beantworten, z.B. „Mich bewegt gerade, was ich heute noch alles zu erledigen habe.“ Oder: „Ich freue mich über das schöne Wetter.“ Wir können aber auch etwas tiefer gehen und bekommen dann Antworten wie „Ich bin unzufrieden mit meiner Arbeit und das quält mich“ oder „Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, was für Leute unser Land regieren“ oder „Ich habe Lust auf erotische, sinnliche Berührung.“ Oder wir gehen noch tiefer: „Ich sehne mich danach, bedingungslos geliebt zu werden“ oder „Ich möchte mit meiner Arbeit etwas von bleibendem Wert erschaffen.“

Solange wir leben sind wir in Bewegung. Wir sind bewegt. Aber was ist es eigentlich, was uns bewegt? Sind es unsere Gedanken? Unsere Gefühle? Unsere Instinkte? Unsere Sehnsüchte? Unsere Glaubenssätze? Unsere Eltern? Unser Körper? Liebe? Gott?

Je mehr wir mit diesen Fragen in die Tiefe gehen, desto mehr entdecken wir, dass wir es eigentlich gar nicht so genau wissen, was uns bewegt. Wir sind in Bewegung, aber unsere wirkliche Motivation für all das, was wir den lieben langen – oder kurzen – Tag tun, ist sie uns bewusst? Und wenn wir vermeintlich einfache Antworten bekommen wie „Ich arbeite, weil ich Geld zum Leben brauche“ oder „Ich bin mit meiner Partnerin zusammen, weil ich sie liebe“ – stimmt das überhaupt? Oder sind das nur Schutzbehauptungen, um uns nicht tiefer Rechenschaft darüber ablegen zu müssen, was wir eigentlich den ganzen Tag über so treiben? Könnte es nicht auch sein, dass wir arbeiten, um uns nicht nutzlos zu fühlen, um den Tag zu strukturieren oder um „dazu zu gehören“? Könnte es auch sein, dass wir mit unserer Partnerin zusammen sind, weil wir Angst davor haben allein zu sein? Oder weil wir dann regelmäßig Sex bekommen?

Neulich vor der Bundestagswahl sah ich das Duell von Merkel und Steinmeier. Warum ich mir das angetan habe, weiß ich nicht wirklich. Aber immerhin gibt es mir Stoff für diesen Text. Ich war beeindruckt, wie inhaltslos, wie komplett ohne jede Vision die beiden antraten.Wenn ich mich frage, was diese Politiker eigentlich bewegt , dann macht sich erstmal Ratlosigkeit breit. Die wirkten so was von unmotiviert, dass ich noch nicht mal Machthunger bei ihnen ausmachen kann. Eitelkeit? Arroganz vielleicht? Alles nur in Spurenelementen. Ja, da war Besserwisserei, aber selbst die war irgendwie blutleer. In der nachfolgenden Talkrunde sagte einer der Gastexperten, ein Schauspieler: „Die wirkten wie geklont. Da kam nichts, aber auch gar nichts über die Rampe. Wie Marionetten.“ Es scheint so, als würde unsere Kultur von Menschen geführt, die nicht wirklich spüren, wofür es sich lohnt zu leben.

Was Politiker aller Parteien versprechen, ist Arbeit zu schaffen. Das ist traurig. Wenn wir schon nicht wissen wofür wir leben, dann dürfen wir zumindest arbeiten! Der moderne Kampf um Arbeitsplätze, vollkommen abgekoppelt davon, ob diese nun sinnvolle Tätigkeit beinhalten oder uns in den Abgrund führen, er wird zunehmend pervers. Wir verschrotten unsere Autos, damit wir neue kaufen können. Dieses Prinzip ließe sich noch ausbauen! Arbeitslosigkeit, von manchen als die „Geißel der Menschheit“ bezeichnet, sie wäre Vergangenheit. So könnte z.B. auf jedes Konsumgut ein Abwrackdatum vermerkt werden, zu dem es bei Strafe auf den Müll muss. Wir könnten auch noch radikaler werden. Wir könnten – ganz ohne Krieg – unsere Häuser in die Luft jagen und neue bauen. Das brächte Arbeit noch und noch!

Noch mehr Ideen für neue Arbeitsplätze gefällig? „Schwarzsex“ könnte verboten werden. Nein, das ist nicht rassistisch. Es geht dabei nicht um Sex mit Schwarzen. Es ginge um Sex, für den kein Lohn gezahlt wird. Er würde genauso verboten wie heute die Schwarzarbeit. Das brächte eine Vollbeschäftigung, von der heute niemand zu träumen wagt. Alternativ dazu wäre auch zu erwägen, ob schwarze Kindererziehung – heute beschönigend Familienleben genannt – wenn nicht verboten so doch mindestens kontingentiert werden sollte…

Ich hatte die Geschichte von Adam und Eva früher so verstanden, dass die beiden aus dem Paradies verbannt und dazu verdonnert wurden, im Schweiße ihres Angesichts zu arbeiten. Vom heutigen Standpunkt muss man wohl sagen, dass Gott ihnen ein riesiges Geschenk gemacht hat: er gab ihnen Arbeit! Ob Gott wohl schon diesbezüglich ins Grübeln gekommen ist?

Ich könnte mich hier richtig in Rage schreiben. Das macht irgendwie Spaß. Dieses permanente inhaltsleere Gerede von Arbeitsplätzen geht mir schon lange die Nase hoch. Aber das eigentliche Thema dahinter, das bewegt mich noch tiefer, nämlich die Frage, was uns denn eigentlich im Innersten bewegt. Was treibt uns an? Wofür lohnt es sich zu leben? Wofür zu arbeiten?
Die Frage kann unbequem sein, weil sie vielleicht erstmal ein weites Ödland in uns aufdeckt, in dem wir nicht viel spüren und einfach funktionieren. Aber wenn wir uns davon nicht abschrecken lassen und unsere Motive tiefer erforschen, dann warten saftige Wiesen tiefen Bewegt-Seins auf uns. Die lohnt es zu entdecken. Es kann allerdings ein wenig Arbeit sein, sich dahin auf den Weg zu machen.

Neulich hörte ich einen Bericht im Radio. Darin ging es um den Unterschied von extrinsischer und intrinsischer Motivation. Er besteht einfach gesagt darin, dass ich im ersten Fall auf äußeren Lohn wie Geld oder Anerkennung aus bin, im zweiten Fall bin ich durch innere Befindlichkeiten motiviert, z.B. indem mich die Tätigkeit selbst befriedigt oder erfüllt. Und nun der spannende Forschungsbefund: Wenn wir etwas eigentlich gerne tun, und keinen Lohn dafür erwarten, dann verlieren wir leicht unsere Freude daran, wenn wir äußeren Lohn dafür bekommen. Ein Kind, das gerne gelernt hat, verliert das Interesse am Lernen, wenn es Noten dafür bekommt. Es lernt irgendwann nur noch für die Noten. Es spürt seine eigene Neugier nicht mehr. Ich finde das höchst spannend, denn diese Erkenntnis kann zum Ausgangspunkt werden zu erforschen, was uns wirklich bewegt und für wen oder was wir das tun, was wir tun.
Ein guter Ausgangspunkt für diese Selbsterforschung ist anzuerkennen, dass wir möglicherweise viel weniger über unsere echte, wahrhaftige Motivation wissen, als wir bislang gedacht haben.

Ich wünsche mir eine Kultur, in der mehr und mehr Menschen wieder Zugang finden zur inneren Quelle ihres Bewegt-Seins. In der wir uns immer wieder mal fragen: macht das eigentlich Sinn, Freude oder Spaß, was ich da tue oder tue ich es weil ich denke ich muss?
Ich finde diese Quelle, wenn ich innehalte, wenn ich spüre, was eigentlich in mir los ist, wenn ich nichts damit tun muss. Manchmal so lange bis ich mich langweile. Oft taucht erstmal innere Unruhe und Ungeduld auf und will mich wieder zum schnellen Tun verführen. Aber wenn ich auch diese Unruhe einfach spüre und nichts damit mache, dann fängt sie irgendwann langsam wieder an zu sprudeln. Und das fühlt sich so gut an, dass es sich lohnt, mir Zeit dafür zu nehmen. Auch ganz ohne äußeren Lohn.

Ich wünsche uns allen viel Freude bei allem was wir tun… und beim Nichts-Tun, beim einfach bewegt sein…

Herzliche Grüße
Saleem Matthias Riek

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Nackt

Vor kurzem wurde ich auf eine Meldung aufmerksam gemacht, die am 9. Juli 2009 in der Stuttgarter Zeitung erschienen war:

„Hallo Saleem, dieser Artikel hat mich an Deinen Gedanken aus Deinem Buch Herzensfeuer erinnert: Sich „nackt“ zeigen, die Wahrheit und das Nichtwissen zulassen – und den Mantel nicht wieder drüber decken…“

Hier die Meldung im O-Ton:
„Im englischen Newcastle hat sich eine von der Krise gebeutelte Markentingagentur intern frei gemacht: Auf Anraten eines Arbeitspsychologen kamen die Mitarbeiter an einem Tag weitgehend hüllenlos ins Büro. Die Auswirkungen auf das zuvor recht trübe Arbeitsklima beschrieb ein Mitarbeiter so: „Es war fantastisch. Jetzt wo wir einander nackt gesehen haben, gibt es keine Barrieren mehr. Wir sind viel mehr in der Lage, miteinander ehrlich zu sprechen.“ Soso. Stellen wir uns Deutschland mal nackt vor. Merkel und Steinmeier sagen plötzlich die Wahrheit: „Alles Mist, bald fünf Millionen Arbeitslose, der Staat ist Pleite, wir wissen nicht mehr weiter.“ Oja, sagen wir da, den Mantel bitte! (rai)“

Soweit die Meldung in der Stuttgarter. Ich finde das sehr aufschlussreich, dass Redakteure einer Tageszeitung, deren Aufgabe doch darin bestehten sollte, nackte Tatsachen ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, es klar vorzieht, sie lieber zuzudecken. Ist die nackte Wahrheit tatsächlich so erschreckend? Ist es nicht viel erschreckender mit anzuzusehen, wie wir die Wahrheit vermeiden und damit gewiss jeder Chance, die eine Krise bietet, im Wege stehen?

Wie ich schon in „Herzensfeuer“ beschrieben habe, ich freue mich auf den Tag, an dem ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin ans Rednerpult tritt und verkündet: „Ich weiß nicht weiter…“ Einfach deswegen, weil dies schon so oft den Tatsachen entspricht.

Aber mal ehrlich, würden Sie so jemanden wählen? Oder doch lieber eine der Pfeifen, die so tönen als wüssten sie es und durch solche Falschmeldungen unseren Planeten weiter dem Abgrund entgegen treiben lassen?

Mit herzlichem Grüßen

Saleem Matthias Riek

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Schulden, Schuld und eigentümliches Eigentum

Ich habe mal ein bisschen nachgedacht. Es ist ja immer die Rede von den immensen Schulden, die wir haben. Auf der Website des Bundes der Steuerzahler kann man beobachten, wie die deutschen Staatsschulden um 4439 € pro Sekunde steigen auf heute morgen 1.581.105.280.275 €. Beim Sinnieren kam ich auf die Idee, also wenn ich Schulden habe, dann muss ja jemand anderes ein genau gleich großes Guthaben besitzen, nämlich der, beim dem ich die Schulden habe. Wenn es den nicht gibt, nun dann brauche ich sie ja auch nicht zurück zahlen, bin also schuldenfrei. Und dann, so dachte ich, ist es doch interessant, dass meistens nur von den Schulden die Rede ist, aber viel weniger von den riesigen Guthaben. Ja, ja, von den Reichen und Superreichen ist schon die Rede, auch von den gierigen Managern, die auch noch die Steuer bescheißen. Aber die Billionen, wer besitzt die eigentlich? Dann kam es mir. Es sind die „Investoren“! Klingt doch schon viel sympathischer als „superreich“, oder? Sie werden ja hofiert wie Wohltäter. Sie halten sich meist ziemlich geschickt bedeckt, muss man sagen. Sie treten als Gesellschaft auf oder als Unternehmen, auch als Staatsfond aus Nah- oder Fernost. Ja, die Investoren, die müssen wir freundlich behandeln, sonst investieren sie nämlich woanders. Kapital ist scheu wie ein Reh, heißt es.
Ist uns eigentlich kar, dass diese „Investoren“ inzwischen ein vielfaches der Macht besitzen im Vergleich zu den Regierungen, die wir alle Jahre wieder wählen oder auch nicht wählen? Dass wir nach ihrer Pfeife tanzen? Dass wir uns an sie verkauft haben?
Ist das unser aller „Schuld“? Haben wir unsere Seele verkauft?

Auf der Habenseite steht den Schulden Eigentum gegenüber, grundgesetzlich geschützt. Die vielleicht heiligste Kuh in unserer Kultur. Daran wollen wir in aller Regel lieber nicht dran rühren. Am Ende verliert Oma ihr klein Häuschen oder wir verlieren unser letztes Hemd… 

Johann Wolfgang von Goethe befand bereits: „Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein.“

Wie kann es sein, dass Menschen ein vielfaches mehr besitzen, als sie selbst jemals brauchen könnten, und damit ohne jede demokratische Kontrolle unsere Geschicke bestimmen und sogar Regierungen erpressen können, ganz legal. Es kann so sein, weil wir uns noch nicht einmal eingestehen, dass es so ist.
Hier noch ein deftiges Zitat zu diesem Thema: „In der Nacht des 4. August 1789 haben die Abgeordneten der Nationalversammlung das Feudalsystem in Frankreich abgeschafft. Heute müssen wir mit ansehen, wie die Welt von neuem feudalisiert wird. Die despotischen Herrscher sind wieder da. Die neuen kapitalistischen Feudalsysteme besitzen nunmehr eine Macht, die kein Kaiser, kein König, kein Papst vor ihnen je besessen hat.“ (Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung)

Ich hoffe, ich hinterlasse bei Ihnen ein wenig Ratlosigkeit angesichts der Dimension dieses Themas. Denn wer hier ein schnellen Rat weiß, der hat es, so behaupte ich mal ganz dreist, noch nicht begriffen. Oder was meinen Sie?

Herzlich ratlos und frohen Mutes

Saleem Matthias Riek

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Jenseits des Gewussten, da lässt es sich leben…

Nein, ich zitiere jetzt nicht Sokrates berühmten Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, das wäre zu abgedroschen. Es geht mir hier nicht um Bildungsbürgertum oder intellektuelle Spielerei, wenn ich das Nicht-Wissen thematisiere. Es geht darum, dass wir etwas dringend brauchen, vielleicht sogar überlebenswichtig brauchen: Nicht Wissen!

In der letzten Ausgabe der Zeit (Dossier vom 20.5.2009) schreibt Wolfgang Uchatius unter dem Titel „Wir könnten auch anders“ auf brillante Weise über den Zwang unseres Wirtschaftssystems zum permanenten Wachstum und wie dies uns alle ins Unglück treibt. Bevor er interessante Ansätze für Alternativen vorstellt, gibt er noch zu bedenken: „Niemand weiß, wie eine Post-Wachstumsökonomie aussehen könnte“. Für ihn is das jedoch kein Grund, sich davon abhalten zu lassen eine zu entwickeln. Denn den Kapitalismus habe bis heute schließlich auch noch niemand gänzlich verstanden. Tut das gut, wenn dies mal jemand ausspricht! Sein Artikel ist derart kreativ in jeder Hinsicht, ich glaube das hat damit zu tun, dass sich hier jemand nicht scheut, nicht zu wissen, sondern daraus schöpft. Ich empfehle ihn dringend zu lesen. Danach wissen Sie weniger als vorher, aber das im besten Sinne!

Gestern bin ich über den Blog von Dr. Andreas Zeuch gestolpert und war fasziniert davon, dass auch im Unternehmens- und Managementbereich das Nichtwissen Einzug hält. Nein, damit ist nicht gemeint, dass manche Banker heutzutage nicht mehr wissen, wie sie weiter astronomische Renditen erzielen können. Damit ist gemeint, dass Nichtwissen uns mit unserer Intuition verbindet und eine Ressource bildet, die uns hilft, uns aus bekanntem Terrain heraus zu bewegen und wirklich kreativ zu werden. Ich selbst habe dies intensiv in meinem Liebesleben erfahren dürfen und darüber geschrieben: „Leben, Lieben und Nicht Wissen„. Es macht mir ein wenig Hoffnung, dass solche Gedanken in Managementetagen einziehen. Die sich gegenseitig mit Besserwisserei überbietenden, aber doch letztlich weitgehend hilflos agierenden Eliten unserer Kultur, was täte ihnen besser als der berühmte Satz des Sokrates? Nur dass dieser Satz leider keine Wirkung mehr entfaltet. Weil er gewusst wird. Wie wäre es also mit: „Ich weiß nicht, dass ich nichts weiß“? Ich finde, damit kommen wir der Wahrheit ein wenig näher. Oder was meinen Sie?

Herzlich

Saleem Matthias Riek

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Das Liegestuhl-Dilemma

Kennen Sie das Phänomen? Sie kommen in eine Saunalandschaft und alle Liegestühle sind besetzt. Nicht, dass auf jeder Liege jemand liegen würde, nur ein Drittel wird wirklich aktuell genutzt. Aber sie sind alle mit Badetüchern oder Taschen belegt, die zu sagen scheinen: dieser Liegestuhl ist bereits reserviert.
Wie reagieren Sie, wenn Sie auch einen Liegestuhl wollen, aber keiner mehr frei ist?

  • Sie ärgern sich, dass so viele Liegen ungenutzt reserviert sind, unternehmen aber weiter nichts?
  • Sie nehmen kurzerhand die auf einer Liege deponierten Habseltigkeiten und legen sie beiseite, legen sich selbst auf die Liege und harren mit Herzklopfen der Dinge, die da kommen sollen? Alternativ dazu reden Sie sich selbst ein, mit dieser beherzten Aktion vollkommen im Recht zu sein und haben keinerlei Angst vor einer möglichen Konfrontation?
  • Sie gehen zum Bademeister und beschweren sich darüber, dass wieder mal alle Liegen belegt sind? Dieser weist sie darauf hin, dass überall Schilder angebracht seien, dass Liegen nicht reserviert werden dürfen, dies aber leider nicht beachtet würde. Er sei es müde, diese Konflikte ständig mit uneinsichtigen Badegästen austragen zu müssen und könne deswegen leider auch nicht weiter helfen.
  • Sie denken intensiv darüber nach, wie dieses Problem ein für alle Male zu lösen wäre, haben aber noch keine Lösung gefunden und hoffen auf den ultimativen Vorschlag in diesem Text?

Ich weiß nicht, ob dieses Problem ein für alle Male gelöst werden kann, aber ich finde es spannend genug, ihm Mal auf den Grund zu gehen. Es handelt sich nämlich um nicht weniger als ein Grunddilemma unseres Menschseins. Ja, wir könnten auf den Besuch von Saunalandschaften verzichten. Aber wir kommen um das Dilemma nicht herum, dass wir Menschen, wenn wir unserem Eigennutz unmittelbar folgen, manchmal genau die Situation mit erschaffen, die uns letztlich allen, also auch uns selbst schadet.
Indem wir einen Liegestuhl reservieren handeln wir unmittelbar im eigenen Interesse. Wenn das aber die meisten tun, wird es auch für uns eng – wenn wir mal nicht unter den glücklichen sind, die noch einen Platz ergattern konnten. Wenn wir eine entsprechend gute Kinderstube genossen haben oder der Meinung sind, dass Eigennutz nicht glücklich macht, mit gutem Beispiel voran gehen und den Liegestuhl jedes Mal wieder frei geben, wenn wir ihn nicht brauchen – nun, dann sehen wir manchmal gelassen, manchmal aber auch genervt zu, wie andere eben nicht unserem gutem Beispiel folgen und wir selbst wieder mal die Gelackmeierten sind.
An dieser Stelle können wir resignieren und uns auf das Niveau der Selbstsüchtigen abfallen lassen. Oder wir rufen nach höherer Ordnung. Schließlich sind genug Liegestühle für alle da, wenn, ja wenn sie nicht überwiegend reserviert würden. Wenn also mein gutes Beispiel nicht reicht, dann wende ich mich vielleicht an die Geschäftsleitung und rege an, das Reservieren von Liegestühlen nicht nur zu verbieten und entsprechende Schilder anzubringen, sondern dieses Verbot ggfs. auch durchzusetzen. Der Geschäftsführer ist ein sympathischer junger Mann und zeigt volles Verständnis für mein Anliegen. Er verweist darauf, dass er Schilder habe anbringen lassen, dass er aber noch davor zurückschrecke, Bußgelder zu verhängen oder Hausverbot zu erteilen. Das wäre ja dann doch etwas unverhältnismäßig und würde dem guten Ruf des Hauses schaden. Zeitweilig hatte er das Badepersonal angewiesen, die Liegestühle regelmäßig frei zu räumen und kleine freundliche Zettel zu hinterlassen mit einem Hinweis, wo die Gegenstände deponiert worden seien. Das Personal hatte daraufhin soviel Ärger mit Badegästen, dass es sich weigerte, weiter so vorzugehen. Nun weiß er auch nicht weiter und tendiert dazu, dass das Leben eben nicht perfekt ist und dass es uns besser geht, wenn wir menschlichen Schwächen mit Nachsicht begegnen. Das saß, plötzlich kam ich mir irgendwie klein und schäbig vor.
Mit etwas Abstand wurde ich dann wütend. Was bildet sich dieser junge Schnösel eigentlich ein? Okay, okay, auf die Liegestühle kann ich auch verzichten. Aber ist es nicht genau das gleiche Problem, wenn Bankmanager Casino spielen, selbst dick absahnen und von ihrer Poolbar in der Karibik aus zusehen, wie die ganze Weltwirtschaft dem Ruin entgegen treibt? Oder ist es vielmehr das Geld-System mit Zins und Zinseszins, das den Eigennutz des Einzelnen langfristig in einen Schaden für alle verwandelt? Aber wer ist dafür verantwortlich? Wer kann das ändern?
Zugegeben, der Sprung von der Sauna zur Weltwirtschaft war etwas groß, aber heiß ist beides allemal und bringt uns samt Klima zum Schwitzen.
Also, cool down! Das Grunddilemma ist das gleiche: Obwohl aus der Vogelperspektive betrachtet Lösungen möglich, ja sogar einfach zu realisieren wären (im Beispiel: es gibt genug Liegestühle in der Badelandschaft und es gibt auch genug Nahrungsmittel, um alle Menschen zu ernähren!), rennen wir Menschen kollektiv in unser Verderben, indem wir mehrheitlich auf unser persönliches Interesse fixiert bleiben. Und auch der Versuch, dem kollektiven Interesse zur Macht zu verhelfen und den Einzeln hierfür zu entmachten hat historisch-materialistisch gesehen keine überzeugende Lösung, aber viel Leid gebracht. Was also ist zu tun?
Ich neige zu der These, die der Philosoph Ken Wilber vertritt: das Schicksal der Menschheit ist eng verknüpft mit dem Wachstum unseres Bewusstseins. Weder Ökologie noch ein gerechteres Wirtschafts- und Finanzsystem noch das Ende kriegerischer Auseinandersetzungen  werden möglich sein ohne dass wir Menschen unseren Horizont erweitern und es nicht nur intellektuell begreifen, sondern in jeder unserer Zellen spüren, dass wir alle mit allem verbunden sind.
Wie wir unser Bewusstsein dahingehend erweitern? Das ist eine brillante Frage, die ich das nächste Mal, wenn ich entspannt nach einem Saunagang vor mich hin träume, weiter verfolgen werde. Hoffentlich ist eine Liege frei.
Wohltuende Entspannung wünscht

Saleem Matthias Riek

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Barack Obama – ein ganz normales Wunder

Bis zur Wahlnacht im November 2008 hatte ich nur über ihn gelesen, und viel Widersprüchliches war dabei. Doch bei seiner Rede zum Wahlsieg kamen mir – ziemlich überraschend für mich bei der Rede eines Politikers – die Tränen. Seitdem schaue ich voller Neugier und Aufmerksamkeit auf diesen Menschen, der es – so scheint mir – geschafft hat Mensch zu bleiben, obwohl er Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist. Ja, ich schäme mich etwas, es zuzugeben, aber er hat mich seitdem des öfteren zu Tränen gerührt. Ist das ehrenrührig?
Was mich am meisten berührt: da pflegt ein mächtiger Politiker – der mächtigste überhaupt? – grundlegende menschliche Werte und Umgangsformen.

Ein kleines Beispiel: er fährt zum G20 Gipfel und kündigt es nicht nur an, er wolle auch zuhören. Er hört tatsächlich anderen zu! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein Politiker hört zu!
Ein zweites Beispiel. Er tut nicht so, als seien seine Vorschläge die besten, sondern ermuntert dazu: wer eine bessere Idee hat, solle sie äußern. Und es sei ganz normal, Fehler zu machen. Und er hat es einige Mal bereits zugegeben: „I messed it up!“ (Ich habe es verbockt)
Ein drittes Beispiel (und das soll dann erstmal genügen, es gibt viele weitere): Er verlangt von sich selbst und von Amerika, die Grundsätze und Werte selbst anzuwenden, die es von anderen verlangt. So werde z.B. auch Amerika atomar abrüsten und dies nicht nur von anderen verlangen. So verbietet er die Folter und die CIA-Geheimgefängnisse, die Bush exzessiv nutzen ließ.
Was ist daran so sensationell? Ist das alles nicht eigentlich selbstverständlich? Ich weiß nicht, ob ich darüber wütend, traurig, entsetzt oder fassungslos bin, vielleicht alles zugleich: Es ist tatsächlich in unserer Kultur sensationell, wenn ein Politiker nicht nur privat, sondern sogar im Amt Mensch bleibt. Ist das nicht zum Verzweifeln?
Obama war Sozialarbeiter in Chicago, bevor er seine Politkarriere begann. Ich bin richtig stolz, in dieser Hinsicht sein „Kollege“ zu sein. Auch meine „Karriere“ begann als Sozialarbeiter, nicht in Chicago, aber in Berlin Kreuzberg. Möglich, dass Obama hier einiges darüber gelernt hat, wie er Menschen innerlich erreichen kann, die ihren Mut und ihre Hoffnung längst verloren haben. Ich gebe zu, ich hatte meine Hoffnung längst verloren, dass ein Mensch in unserer Kultur soweit aufsteigen kann, ohne vollkommen vom Parteien-Klüngel und Macht-Lobbyismus korrumpiert worden zu sein. Und ein Teil von mir starrt immer noch ungläubig auf Barrack Obama, um ihn zu enttarnen, um das alles als eine gigantische große Show zu entlarven.
Der größere Teil in mir hofft, dass ich mich nicht vollkommen täusche. Was diese Hoffnung nährt, ist dass er eben nicht – wie oft behauptet – wie ein Messias auftritt. Was er verkörpert ist, dass wir als ganz normale Menschen unsere Träume leben können. Er behauptet nicht, dass das immer einfach ist.

Kürzlich sprach er in einer Veranstaltung vor 4000 Jugendlichen in Straßburg. Der Sohn meiner Lebensgefährtin (14) war dabei. Die Sicherheitsvorkehrungen waren wohl der Wahnsinn, aber er war als einer der ausgewählten, geladenen Gäste dabei. Auf 30 Meter Entfernung sah er ihn life. Es gibt ihn! Und er war beeindruckt. Ich konnte später leider nicht so genau in Erfahrung bringen, was ihn am meisten beeindruckt hat. Ist es tatsächlich sein Mensch-Sein in Ausübung größter Macht?

Ich habe es mir im Fernsehen angeschaut. Auf die Frage: „Haben Sie schon mal bereut, für die Präsidentschaft kandidiert zu haben?“ antwortet er, es sei schon manchmal frustrierend gewesen, im Wahlkampf so lange von seiner Frau und seinen Kindern getrennt zu sein, und auch dass er sich nirgendwo auf der Welt mehr frei bewegen könne, jeder Schritt werde vom Secret Service bestimmt und überwacht. Und dann kommt der Satz, der mir ins Herz geht: Es gebe jedoch nichts Höheres, Edleres, als der Dienst am Gemeinwesen (I truly believe that there’s nothing more noble than public service.) Wirklich erfüllend werde das Leben, wenn wir nicht nur an uns selbst denken, wie wir mehr Geld verdienen oder ein tolles Autor kaufen könnten, sondern indem wir uns für etwas einsetzen, was über unsere egoistischen Motive hinaus gehe. Dafür brauchten wir nicht Präsident zu werden. Jeder von uns könne das tun, genau dort wo wir gerade stehen. So könnten wir einen Unterschied bewirken in dem Projekt, eine bessere Welt zu schaffen.
Oh je, wie oft haben wir schon Politiker das hohe Lied auf den Altruismus, den Dienst an der Gemeinschaft, singen hören. Nur hatte es bis jetzt für mich immer den bitteren Beigeschmack der Moralisten, die Doppelzüngigkeit der Wasserprediger, die Wein trinken, oder ganz simpel den Hintergrund, Stellen im sozialen Bereich durch ehrenamtliche Arbeit einsparen zu wollen. Warum aber kaufe ich Obama seine Aussage ab, bin sogar zutiefst berührt? Ich persönlich glaube, ja ich will es glauben, dass es mit Obama jemand an die Spitze der Welt-Politik geschafft hat, der grundlegende menschlich-empathische Eigenschaften und Macht in sich vereinigen kann.
Wie er das geschafft hat? Ein Quantensprung des Bewusstseins? Ein Vorbote einer neuen Zeit? Steht gar, wie Feministinnen ja gerne glauben, wenn Männer etwas Positives zuwerke bringen, steckt seine Frau Michelle dahinter?
Obama ist auch politisch „das, worauf die Welt gewartet hat“ (Stern von 7.4.09) „Im Grunde ist Obama, eigentlich ein Paradox, ein Revolutionär der Mitte“ schreibt die „Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 19.3.09. Ein lebendes Paradox, das wäre für mich ja schon Grund genug, Fan von ihm zu sein. Aber es ist nicht das politische Programm von Barrack Obama, das mich am meisten beeindruckt. Seine Maßnahmen, um die Wirtschaft anzukurbeln, finde ich höchst riskant. Und er ist auch kein Heiliger und kein Gutmensch. Er hat die Genehmigung dafür gegeben, die Piraten zu erschießen, die einen amerikanischen Kapitän vor Somalia als Geisel festhielten. Wird das die Gewaltspirale antreiben? Wie auch immer man dazu steht, er wird noch viele Fehler machen.
Was mich aber wirklich tief beeindruckt: Er zeigt, dass wir unsere menschlichen Qualitäten mit ihren Stärken und Schwächen, unser Herzblut und unsere Sehnsucht nach Glück und Erfüllung, dass wir das alles nicht in privaten Reservaten verstecken müssen. Wir können menschlich handeln und uns für ein lebenswertes Umfeld engagieren. Yes, we can.
Am Sonntag nach seiner Wahl erschien die Zeitschrift „Euro“ mit der Schlagzeile: „Can he?“ Ich hätte am liebsten zum Hörer gegriffen und den zuständigen Redakteur angebrüllt: „Haben Sie denn gar nichts verstanden? Gar nichts???? Es geht nicht darum, ob ER es kann. Es geht darum, ob WIR es können!!!!!“ Ich habe es nicht getan. Konnte ich nicht, wollte ich nicht?
Ich bin wohl so wütend geworden, weil auch ich immer wieder darum ringe, die Liebe meines Herzens mit meiner Macht zu verbinden, zum Wohle aller Menschen, mit denen ich Kontakt habe, inklusive meiner selbst und darüber hinaus. Kann ich das? Ja, ich kann es, immer öfter und vor allem dann wenn ich realisiere, dass ich nicht allein bin. In meinem Beruf ist das ungleich viel leichter als bei dem von Barack Obama. Und dennoch bin ich manchmal verzagt, mein Herz fühlt sich klein und verletzlich. Und ich bleibe nicht da stehen. Meine Reise geht weiter. Ihre auch?

Herzliche Reisegrüße

Saleem Matthias Riek

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