Erfahrungen in Workshops und das „echte Leben“

Leben wir in einer Blase?

Manchmal habe ich in der Abschlussrunde eines meiner Seminare gesagt: Da draußen, das ist kein anderes Leben als das hier im Gruppenraum. Da draußen, das ist der „große Workshop“. Damit meinte ich, dass was wir im Workshop lernen, im vermeintlich „echten Leben“ durchaus seine Bedeutung und Relevanz hat. Das sehe ich immer noch so, vor allem in Bezug auf unser persönliches Leben im Alltag.
Doch im Abschlusskreis des Osterworkshops äußerte ich zum ersten Mal Zweifel an meiner These. Es wird immer deutlicher, dass es „draußen“ Situationen gibt, auf die unsere Antworten aus dem Seminarraum nicht passen. Dazu gehören Formen von Gewalt, die in unserem geschützten Rahmen einfach nicht vorkommen. Wir leben in vielerlei Hinsicht in einer Blase.
Ich meine das durchaus nicht abwertend, aber ich finde, das verdient Würdigung, es ist ein Privileg. Wenn wir uns das nicht eingestehen, kann unsere Weltsicht für andere schnell zynisch klingen, z.B. für die Menschen, die gerade in der Ukraine mit Leib und Leben auf brutalste Weise bedroht sind.

Auf meinen letzten Blogeintrag zum Thema „Krieg und Frieden“ habe ich viel Resonanz bekommen und es gab manche Diskussion. Herzlichen Dank dafür. Einige haben mir geschrieben, dass der Text ihnen geholfen hat, Orientierung zu finden. Das freut mich.
Es gab allerdings auch – zum Glück wenige – Feedbacks, die den russischen Angriffskrieg verteidigen, z.B. so: „Was hältst Du von dem Bild, dass eine Frau (hier Russland) von einem Schrank von Kerl (USA, NATO, EU) immer mehr bedrängt wird und ihm schließlich in die Eier tritt, aus Notwehr?“
Diese Rückmeldung bezieht sich auf meinen Vergleich der russischen Invasion in der Ukraine mit einer Vergewaltigung und meinem Statement, dass bei einer Vergewaltigung immer eine rote Linie überschritten wird, wie auch immer die vorherigen Konflkte ausgesehen haben mögen.

Täter-Opfer-Umkehr und die Grenze zum Faschismus

Ich halte das Bild von Russlands Angriffskrieg als einer Frau in Notwehr für eine haarsträubende Täter-Opfer-Umkehr. Erschwerend kommt hinzu, dass darin die von einem Genozid bedrohte Ukraine in ihrem Selbstbestimmungsrecht überhaupt nicht vorkommt. Oder stellt sie etwa „die Eier der NATO“ dar?
Die Grenze zu faschistischem Denken ist hier aus meiner Sicht überschritten, und das verstörender Weise von jemandem, der sich nach meiner Kenntnis selbst für besonders autoritätskritisch hält. Faschistische Despoten werden oft zunächst unterschätzt und frei gewählt, bevor sie ihr Terrorregime etablieren können. Trump ist daran nur knapp gescheitert. So etwas ist leider auch für Mitteleuropa kein Hirngespenst mehr, wir brauchen nur nach Frankreich zu schauen. Unsere Freiheit und Demokratie, mit allen ihren Schwächen, ist kein Selbstläufer. Ich halte das Thema für so existenziell für unsere Zukunft, dass ich dieses wenig erbauliche Thema anspreche, auch auf die Gefahr hin, dass ich manche in meinem Umfeld damit abschrecke, die zumindest im Tantra mal eine Auszeit von den vielen Krisen suchen. Was allzu verständlich und zuweilen auch sinnvoll ist.

Die Perspektive wechseln?

Ich frage mich immer wieder, wie wir angemessen damit umgehen, dass wir manchmal keine ausreichende Gesprächsbasis mehr finden. Eine wertvolle Anregung dazu fand ich kürzlich im Netz. Dort hieß es sinngemäß, wir sollten in der Lage sein, eine gegnerische Position besser zu vertreten als deren Vertreter selbst. Dann erst könnten wir davon ausgehen, die Gegenseite verstanden zu haben. Erst im nächsten Schritt sollten wir uns darum kümmern, auch unsererseits verstanden zu werden.

Das ist sicher keine Patentlösung. Manche werden sich vielleicht ihrerseits für andere Perspektiven öffnen, wenn sie sich selbst ernst genommen und verstanden fühlen. Andere werden sich eher in ihrer Posistion bestätigt fühlen und haben an einem Perspektivwechsel kein echtes Interesse. Es ist aber zumindest eine Möglichkeit, eigenen blinden Flecken auf die Spur zu kommen. Ob das im Konfliktfall hilft? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich manchmal ja, manchmal nein.

Respekt für Grenzen als Voraussetzung, Grenzen zu öffnen

Der Respekt für Grenzen ist mir persönlich und auch in meiner Arbeit sehr wichtig. Wer nicht bereit ist, grundsätzlich die Grenzen anderer zu achten, müsste mein Seminar verlassen, wobei es da wohl auch schon Grauzonen gibt. Was aber, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, die Regel ggfs. auch durchzusetzen? Eine zugegeben sehr unangenehme Frage.
Sie muss uns jedoch nicht davon abhalten, Lust, Liebe und Verbundenheit zu schätzen und zu genießen, welche durch den Respekt unserer Grenzen möglich werden. Auf dieser Grundlage sind die meisten Menschen eher bereit, Grenzen freiwillig und zu beiderseitigem Gewinn zu öffnen. Das möchte ich zumindest glauben, auch wenn dieser Glaube derzeit erschüttert wird.

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Krieg und Frieden

Können wir angesichts kriegerischer Konflikte neutral sein?

Fassungslos

Der Krieg in der Ukraine macht mich fassungslos. Ein Teil in mir möchte nicht wahrhaben, was Menschen in der Lage sind anderen Menschen anzutun. Aber es geschieht. Dazu kommt, dass es am Ende keine Gewinner geben kann, sondern nur extrem schmerzliche Verluste auf allen Seiten. Das alles geht weit über mein Vorstellungsvermögen hinaus und ich kann die Nachrichten aus dem Kriegsgebiet nur dosiert verkraften. Zugleich möchte ich mich aber nicht davon abschotten, als ginge es mich nichts an. Dieser Text spiegelt nicht zuletzt auch meine Versuche, das verstörende Geschehen doch irgendwie zu verarbeiten. Es handelt sich um ein traumatisches Geschehen, das zugleich viele alte Traumata aktiviert, sowohl individuell als auch kollektiv.

Wenn ich es nicht verdränge, wie kann ich zu dem Unfassbaren eine Haltung Weiterlesen

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Frauen und Männer – wie kommen sie zusammen?

Seit vielen Jahren kann ich in meiner Arbeit wunderbar beobachten, wie Frauen und Männer mit den Themen Liebe und Sexualität umgehen, wie sie sich begegnen, sich verstehen und manchmal auch missverstehen. Ich neige nicht dazu, daraus eine Prinzipienfrage zu machen, aber es lohnt sich, immer mal wieder hinzuschauen und den Unterschieden wie den Gemeinsamkeiten der Geschlechter nachzuspüren.

Auch Eva und das Abenteuer-Eros-Team haben sich aus gegebenem Anlass dazu Gedanken gemacht, daraus ist der folgende Text entstanden.

Es scheint kein Zufall zu sein. Im Unterschied zu den meisten anderen Veranstaltungen der Schule des Seins melden sich für das „Abenteuer Eros“-Festival erneut mehr Männer an. Um das Verhältnis der Geschlechter bei diesem Event ausgeglichen zu halten, mussten wir beim letzten Mal einigen Männern absagen. So schade! Wir nehmen das immer wieder mal zum Anlass, der Frage nachzugehen, wie sich die Bedürfnisse und Wünsche von Männern und Frauen womöglich unterscheiden, wenn es um Liebe und Eros geht. Wir, die 3 Frauen und 3 Männer im Leitungsteam, haben viel über dieses spannende Thema diskutiert. Es folgen einige unserer und meiner (Eva) Gedanken dazu.

Wollen Männer Sex und Frauen Liebe?

Das ist der erste Punkt, der uns einfiel und der die üblichen Klischees erfüllt. Aber stimmt das wirklich? Weiterlesen

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Ideologie: Wie wir sie verstehen, sinnvoll mit ihr umgehen und dialogfähig werden

Ideologie ist ein komplexes Thema. Unser in der Regel unbewusste Umgang mit ihr trägt aus meiner Sicht wesentlich dazu bei, dass Gespräche und Diskussionen so oft aus dem Ruder laufen. Meine Auseinandersetzung mit Ideologie ist ziemlich ausführlich geworden, die Lektüre braucht also etwas Geduld und Engagement. Ich hoffe, es lohnt sich.

Inhaltsübersicht

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Die Zukunft der Schule des Seins

Es gibt Neuigkeiten. Nach einem Jahr Pandemie ist klar: Es stehen grundlegende Veränderungen an. Die Schule des Seins geht neuen Zeiten entgegen. Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht? Das kommt drauf an …

Vor zwölf Monaten mussten wir kurzfristig den ersten Workshop absagen und das Ende dieser Durststrecke ist noch nicht absehbar. Ich bin durch viele innere Prozesse gegangen, immer wieder lande ich bei den Fragen: Was ist wirklich wichtig im Leben? Was bereitet mir Freude? Worin besteht meine Aufgabe?

Zwölf Monate des Hoffens und Bangens, wann was wieder möglich sein wird, haben mich mürbe gemacht. Auch der schmerzliche Abbruch eines laufenden Jahrestrainings mitten im Prozess hat Spuren hinterlassen, ich habe daran gedacht, „den Laden dicht zu machen“.

Aber soweit ist es noch nicht. Ich werde nicht aufhören, Seminare und Trainings zu leiten, aber deutlich reduzieren. Was wird aus der Schule des Seins, Weiterlesen

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Was ist deine Botschaft?

Was ist deine Botschaft? Diese Frage wird mir immer mal wieder gestellt, in letzter Zeit besonders im Zusammenhang mit meinem Roman.

Ich gebe zu, diese Frage fordert mich heraus. Ich kann sie nämlich nicht beantworten. Nein, das stimmt nicht. Ich will sie nicht beantworten. Warum? Wenn ich eine Botschaft hätte, die ich in einem oder wenigen Sätzen formulieren könnte, dann würde ich das tun, dann hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, einen ganzen Roman zu schreiben.

Ein Roman als Lebenshilfe?

Ja, aber gibt es denn nicht Romane, die eine klare Botschaft haben? Ja, die gibt es! Man könnte sie Weiterlesen

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Ich zuerst – das menschliche Dilemma in Zeiten der Pandemie

Die Konfrontation mit dem Schatten

Die Pandemie konfrontiert uns mit für die meisten nie dagewesenen Zwängen, Ängsten und Herausforderungen. Teilweise geht es um Leben und Tod, aber nicht zuletzt auch um richtig und falsch oder gar gut und böse. Wir erleben Engagement, Solidarität und Mitgefühl und zugleich treten Abgründe menschlichen Verhaltens zutage. Wie gehen wir damit um? Warum ist es so schwer, uns über angemessene und zielführende Maßnahmen zu verständigen?

Ich nehme die Situation zum Anlass, relevante Schattenseiten unserer Psyche zu ergründen. Ich möchte Wege aus der verhängnisvollen Weiterlesen

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Sex oder Herz? Sex und Herz!

Sie will Liebe, er will Sex? So plump behauptet das kaum noch jemand, aber in der etwas anspruchsvolleren Version ist die These durchaus en vogue: „Sie braucht den Herzkontakt, um sich im Sex zu öffnen, er braucht den sexuellen Kontakt, um sich im Herzen zu öffnen.“ Manche Tantriker beschreiben das Ganze als energetisches Phänomen: „Der Mann hat im Sex seinen Plus- und im Herzen seinen Minuspol, bei der Frau ist es gerade umgekehrt.“

Wenn wir uns anschauen, wie Frauen und Männer sich verhalten, erscheinen obige Behauptungen zunächst plausibel. Immerhin sind es in der großen Mehrzahl Männer, die sich Pornos reinziehen, und Frauen, die sich gerne Romanzen anschauen oder zum Liebesroman greifen. Doch warum ist das so? Und vor allem: Was kommt darin zum Ausdruck und wie gehen wir damit um?

Die Auseinandersetzung darüber, inwieweit Geschlechtsunterschiede naturgegeben, anerzogen oder gar Ausdruck zeitloser spiritueller Gesetze sind, wird nach wie vor kontrovers geführt, nicht selten mit erstaunlich ideologischer Härte. Ich finde die Debatte ziemlich fruchtlos. Viel interessanter finde ich Weiterlesen

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Tantra goes Belletristik

Die gefährliche Unausweichlichkeit der Liebe

Fast zehn Jahre ist es her, dass ich den Entschluss gefasst und damit begonnen habe, einen Roman zu schreiben. Warum? Weil ich vieles von dem, was ich in meinem Leben und insbesondere im Umfeld psychologischer, körpertherapeutischer, tantrischer und sexpositiver Räume und Seminare erlebt habe, in keinem Roman wiederfand. Wenn Tantra überhaupt darin vorkam, dann in parodistischer bis zynischer Verzerrung oder kitschiger Überhöhung.

Die gefährliche Unausweichlicheit der Liebe – Romandebüt von Saleem Matthias Riek

Ähnlich ging es mir mit den Themen Liebe, Intimität und Sexualität. Hier kann ich natürlich nicht behaupten, dass diese Themen in der Belletristik nicht vorkämen, ganz im Gegenteil. Aber was darin explizit wie implizit über Lust und Liebe von Frauen und Männern ausgesagt wird, hat mich nicht befriedigt: zu viele unhinterfragte Klischees (attraktiver, aber verkorkster Millionär trifft auf erotische Unschuld …), zu wenig Differenzierung bei den Sehnsüchten, der fulminante Orgasmus als Ziel jeder sexuellen Interaktion und Heteronormativität bis zum Abwinken. Unkonventionelle Beziehungsformen? Polyamorie? Sexpositive Räume? Spiritueller Sex? Weiterlesen

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Wachstum oder Leben?

Was hält uns im Wachstumszwang gefangen? Wie könnte es anders aussehen?

Mit Corona erleben wir die größte weltweite Krise seit dem 2. Weltkrieg. Doch sie überdeckt nur eine weit größere Krise: diejenige unseres Ökosystems. Letztere ist viel bedrohlicher, aber auch leichter zu verdrängen als die Pandemie. Aber wie lange noch?

Die aktuelle Erfahrung, dass alles auch ganz anders kommen kann, stürzt manche in tiefe Verzweiflung. Zugleich birgt sie auch Anlass für Hoffnung. Damit die Menschheit sich wieder als Teil der Natur begreift und ihre Lebensweise entsprechend umgestaltet, braucht es Weiterlesen

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