Ideologie: Wie wir sie verstehen, sinnvoll mit ihr umgehen und dialogfähig werden

Ideologie ist ein komplexes Thema. Unser in der Regel unbewusste Umgang mit ihr trägt aus meiner Sicht wesentlich dazu bei, dass Gespräche und Diskussionen so oft aus dem Ruder laufen. Meine Auseinandersetzung mit Ideologie ist ziemlich ausführlich geworden, die Lektüre braucht also etwas Geduld und Engagement. Ich hoffe, es lohnt sich.

Inhaltsübersicht

Wo ist sie geblieben, die Diskussionskultur?

Unsere Diskussionskultur lässt zu wünschen übrig, zumindest darauf können wir uns wahrscheinlich verständigen. Nicht nur beim Thema Corona, sondern auch bei vielen anderen Themen wie Klimakrise, Migration, Gendern oder Steuern kochen die Emotionen hoch und es werden Argumente vorgebracht, deren Aberwitz manchmal erstaunliche Dimensionen annimmt. Was ist da los? Warum eskaliert die Polarisierung in einem Ausmaß, das wahrscheinlich nicht nur mich erschaudern lässt?

Vermutlich hat jeder von uns reflexhaft und immer mal wieder „Schuldige“ vor Augen, die so verbohrt scheinen, dass sich nicht mit ihnen reden ließe. Ich gebe es zu, solche Reflexe bemerke ich bei mir auch und tatsächlich lasse ich mich auch nicht mehr auf jede Diskussion ein. Insbesondere auf Facebook habe ich mich weitgehend zurückgezogen, trotz gegenteiliger Ermutigungen. Die Algorithmen der sozialen Medien belohnen Streit mehr als Verständigung; weniger provozierende und differenzierende Kommentare bekommen weniger Aufmerksamkeit.

Mit diesem Text möchte ich eine Ebene tiefer gehen und ausloten, was den privaten Dialog wie auch gesellschaftlichen Diskurs aus dem Ruder laufen lässt oder zumindest dazu beiträgt. Es gibt viele Ursachen, doch eine sticht für mich besonders hervor: unser ungeklärtes Verhältnis zur Ideologie. Wobei kann uns Ideologie behilflich sein und wann wird sie zum Problem und führt zu Verhärtungen, Dogmen oder gar Fanatismus? Und wenn es uns erwischt hat und wir unsere Expertise überschätzen: Wie kommen wir aus dieser Nummer wieder heraus?

Hier noch eine Trigger-Warnung: Die Auseinandersetzung mit dem Thema Ideologie kann schmerzhaft sein. Nicht selten dienen Ideologien der Schmerzvermeidung, sie verschonen uns davor, eine als bedrohliche empfundene Wirklichkeit ungeschminkt an uns heranzulassen. Wir deuten sie dann so weit um, bis sie für uns erträglich wird. Die Tragik dabei: Die Wirklichkeit – also das, was ist – kann uns nicht unterstützen, solange wir sie verleugnen. Wir laufen dann Gefahr, unsere „ideologische Dosis“ immer weiter zu erhöhen. Im Zweifelsfall lege den Text einfach beiseite, nimm einen tiefen Atemzug und erlaube dir eine Auszeit.

Ideologen sind immer die anderen

Ideologie hat keinen guten Ruf. Jemanden als Ideologen zu bezeichnen, gilt als Beleidigung. Von „ideologisch fundierter Weisheit“ ist kaum je die Rede. Vielleicht können wir uns auf Ideologie als ein Problemfeld sogar einigen, doch da gibt es einen Pferdefuß: Ideologen sind immer die anderen.

Ich finde, dass Ideologie zunächst – wenn wir den Begriff wörtlich nehmen – gar nichts Schlechtes ist, nämlich die Logik unserer Ideen. Dieser Logik auf die Spur zu kommen, halte ich für sinnvoll. Wenn ich einen Text oder ein neues Buch schreiben will, stehen am Anfang ein paar Ideen, die ich dann in ihren verschiedenen Facetten ausleuchte und miteinander verknüpfe, sodass am Ende ein hoffentlich sinnvolles Ganzes herauskommt. In diesem Sinne lese ich gerne auch „ideologische“ Texte: Sie folgen einer erkennbaren Logik. Ein Problem entsteht meines Erachtens erst dann, wenn wir Ideen mit der Wirklichkeit verwechseln oder sie über diese stellen.

Philosophiegeschichtlich könnten wir uns dafür auf Platon berufen, der das von ihm postulierte Reich der Ideen für grundlegender hielt als die von uns sinnlich beobachtbaren Phänomene. Darauf näher einzugehen, würde hier zu weit führen, außerdem hat Platon unter Ideen etwas ganz anderes verstanden.

Wenn ich hier von Ideen spreche, meine ich subjektive Eingebungen und Gedanken, die wir zu einem mehr oder weniger kohärenten Gedankengebäude zusammenfügen können: einer Ideologie. Schauen wir uns das an einem Beispiel näher an, das vielleicht nicht ganz so brisant ist wie Corona, aber doch einiges Empörungspotenzial bereithält.

Der sonderbare Tanz ums Gendern

Wir könnten beispielsweise die Idee haben, dass Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern eine gute Sache ist und dass diese auch in der Sprache zum Ausdruck kommen sollte. Dann stoßen wir uns daran, dass die maskuline Bezeichnung (z.B. „Arzt“) oft beide Geschlechter meint (den Arzt und die Ärztin, als sogenanntes Generisches Maskulinum). Dabei fühlen sich Frauen oft nicht mitgemeint bzw. es verankert die Vorstellung in unserem Unterbewusstsein, dass Ärzte eher Männer seien und weibliche Ausnahmen nur die Regel bestätigten. Getreu unserer Idee der Gleichberechtigung wollen wir das ändern und erfinden das Gendern. So weit so gut.

Doch andere Menschen haben andere Ideen, z.B. die einer lebendigen Sprachentwicklung, der man am besten nichts aufzwingt. Ich finde, dass auch diese Auffassung nachvollziehbar ist.

Warum läuft die Debatte um das Gendern dann dermaßen aus dem Ruder? Ich glaube, es hat nicht zuletzt damit zu tun, dass der Gültigkeitsbereich der eigenen Idee überschätzt oder verabsolutiert wird. Dann glauben wir je nach eigenem Standpunkt, wer nicht bereit ist zu gendern, sei ein Feind der Gleichberechtigung, oder wer gendert, vergewaltige die Sprache. Wir fangen nicht nur an, für unsere Idee zu kämpfen ­– was vielleicht verkraftbar wäre – sondern sprechen entgegenstehenden Ideen jede Berechtigung ab. Wir sind nicht mehr in der Lage oder bereit, die Perspektive zu wechseln, und das Drama nimmt seinen unheilvollen Lauf.

Flexible oder kreative Ideen, die die Anliegen beider Perspektiven berücksichtigen, kommen unter die Räder. Ich selbst gehe folgendermaßen mit dem Dilemma um: Ich drehe die übliche Sprachregelung manchmal einfach um, nutze das Femininum und meine dann das männliche Geschlecht mit. Darüber hinaus wechsle ich je nach Kontext zwischen weiteren Optionen geschlechtergerechter Sprache ab. Auch mein Vorgehen hat Nachteile – es kann z.B. Verwirrung stiften –, doch dieses Schicksal teilt es mit den allermeisten Ideen: Sie haben Vor- und Nachteile. Können wir uns das eingestehen?

Wenn Ideologie zum Problem wird

Das Problem liegt nicht an der Ideologie selbst, sondern entsteht, wenn wir sie überhöhen. Dann sagen wir Sätze wie „Ich bin der festen Überzeugung, dass …“ Wir stellen unsere Überzeugung über die Ansichten anderer oder gar über die Gesetze der Natur. Ebenso bedenklich wird es, wenn wir unser Gedankengebäude mit einem universell gültigen Gesetz verwechseln oder aus einem solchen herleiten. Marx und Engels haben die menschheitsgeschichtliche Entwicklung hin zum Kommunismus für eine weitgehend zwangsläufige gehalten und somit für eine Idee, die keinen Widerspruch zulässt. Wohin das nicht selten geführt hat, ist bekannt. Ich sehe eine tragische Ironie darin, dass das Täuschungs-Potenzial von Ideologien im Rahmen des Marxismus hervorragend analysiert, diese Erkenntnis aber nicht auf die eigene Theorie angewandt wurde.

Ein fundamentaler Denkfehler liegt aus meiner Sicht vor, wenn wir glauben, für etwas angeblich Alternativloses kämpfen zu müssen. Müssen wir tatsächlich dafür kämpfen, universell gültigen oder Natur-Gesetzen zum Erfolg zu verhelfen? Ich meine, wenn es Alternativen gibt, handelt es sich doch offensichtlich nicht um ein Naturgesetz. Weder müssen wir dafür sorgen, dass die Erde um die Sonne kreist, noch dass der Apfel zu Boden fällt und nicht in den Himmel. Wenn wir also für etwas kämpfen, dann nicht für ein Naturgesetz. Aber für was dann? Wir kämpfen für unsere Ideen oder unsere Werte – aber ohne dass wir uns das eingestehen.
Wenn uns dieser Unterschied bewusst wird, ist viel erreicht. Wir relativieren unsere Position und lassen Raum für Perspektivwechsel. Ein Perspektivwechsel muss unseren Ideen und Werten nicht schaden, ganz im Gegenteil: Der Widerstand gegen unsere Ideen wird meist umso größer, je mehr wir sie als objektiv oder alternativlos hinstellen, obwohl sie das bei genauerer Betrachtung gar nicht sind.

Ist Subjektivität eine Schwäche?

Wenn wir die Subjektivität unserer Position anerkennen und damit den eigenen Standpunkt relativieren, kann es uns so vorkommen, als würden wir uns damit selbst schwächen. Es erscheint uns als kraftvoller und aussichtsreicher, objektive Gültigkeit für unsere Thesen zu beanspruchen (wobei wir gerne schnell wieder vergessen, dass wir überhaupt etwas beanspruchen, denn das wäre ja subjektiv). Wir gehen davon aus, unsere These sei unabhängig von uns selbst gültig und wir hätten sie lediglich erkannt. Doch steigen damit wirklich unsere Chancen, Gehör oder gar Zustimmung zu finden?

Ich glaube nicht, zumindest nicht auf Dauer. Tatsächlich ist eine neue Idee einer bereits bestehenden Wirklichkeit erstmal unterlegen. Letztere ist ja bereits „in Kraft“, während unsere Idee sich erst noch Gehör verschaffen und durchsetzen muss, um an Einfluss zu gewinnen. Unsere Idee mit der Wirklichkeit zu verwechseln, macht sie nicht kraftvoller. Ganz im Gegenteil, sie hat dann keinen festen Boden, sie ist auf Sand gebaut.

Aus meiner Sicht handelt es sich um eine Wahrnehmungsverzerrung, wenn wir Subjektivität mit Schwäche assoziieren. Die Verzerrung ist wahrscheinlich nicht zuletzt dadurch bedingt, unter welchen Umständen wir aufgewachsen sind und welches Verhältnis zu Autoritäten wir entwickelt haben. Wenn das Wort von Mama und/oder Papa Gesetz war und unsere abweichende Meinung weder Raum noch Würdigung bekam, dann liegt nahe, dass wir irgendwann selbst „Gesetzgeber“ werden wollen – falls wir uns nicht in ohnmächtiger Resignation einrichten. Haben wir jedoch erlebt, dass unsere Meinung Gehör fand, konnten wir etwas Wesentliches lernen: Wir bekommen eher, was wir brauchen, wenn wir unsere Bedürfnisse so äußern, dass sie für andere einfühlbar werden und wir in unserer Subjektivität erkennbar. Das gilt zumindest dann, wenn uns an einem gewaltfreien Kontakt auf Augenhöhe gelegen ist. Wir erleben uns als wirksam, ohne despotisch werden zu müssen. Wir haben Einfluss, aber keine Kontrolle. Wir vertrauen einem Prozess, in dem alle Beteiligten ihren Einfluss geltend machen können. Dieser Prozess führt mit größerer Wahrscheinlichkeit zu Lösungen auf einer Ebene, auf der auch gegensätzliche Positionen Berücksichtigung finden.

Haben wir dieses Vertrauen nicht entwickelt, gibt es in unserer Welt nur entweder/oder, du oder ich, und die Weichen stehen auf Kampf oder Flucht. In einer derart polarisierten Welt gibt es beim Thema Gendern nur noch Sexisten oder Sprachpolizistinnen und beim Thema Corona nur noch Panikmacherinnen oder Leugner. Unsere persönlichen Anliegen und Bedürfnisse verschwinden hinter der Position, die wir gegenüber umstrittenen Themen wie z.B. Impfung einnehmen. Je radikaler unsere Wahrnehmungsverengung, umso vehementer gehen wir davon aus, im Besitz der alleinigen „Wahrheit“ zu sein. Aus unserer Ideologie wird ein Dogma, auch wenn es kaum einer so nennen mag. Wir nennen es eher unsere „Überzeugung“.

Zwei Ebenen von Ideologie

In einer polarisierten Debatte stehen sich zwei oder mehr „alleinige Wahrheiten“ gegenüber, was eine Verständigung unmöglich macht. Wenn wir aus dieser Verhärtung wieder herausfinden wollen, unterscheiden wir am besten:

  1. Das, was ist (die gegenwärtige Wirklichkeit)
  2. Das, was sein soll (die erwünschte Zukunft)

Über beides ließe sich trefflich streiten, doch das eine Mal geht es um Fakten, das andere Mal um Ziele. Es ist schwer genug, sich auch nur auf einer der beiden Ebenen zu verständigen. Wenn wir dann noch beide vermischen, sind wir verloren.

Wie verständigen wir uns über die Realität (das, was ist)?

Wenn wir darüber sprechen, was ist, geht es um die Wahrnehmung oder Einschätzung einer bereits eingetretenen Realität und/oder deren Gesetzmäßigkeit:

  • Wie viele Menschen sterben pro Jahr auf deutschen Straßen?
  • Wie hoch ist die jährliche Scheidungsrate in Westeuropa?
  • Um wieviel Grad hat sich die durchschnittliche Temperatur auf der Erde seit 1850 erwärmt?
  • Wie viele Menschen haben sich unter welchen Bedingungen mit Sars-Cov2 angesteckt, sind daran wie schwer erkrankt oder gestorben?

Hier befinden wir uns auf einem Gebiet, auf dem wissenschaftliche Forschung weiterhelfen kann. Statistische Phänomene entziehen sich unserer direkten Wahrnehmbarkeit. Ob ich persönlich jemanden kenne, der im Straßenverkehr verletzt wurde oder an Covid erkrankt oder gestorben ist, hat für eine realistische Einschätzung der Gefährdungslage kaum Relevanz, für unsere emotionale Betroffenheit und subjektive Meinungsbildung allerdings schon.

Was Wissenschaft leisten kann und was nicht, wird in einer polarisierten Debatte regelmäßig missverstanden. Wissenschaft unternimmt den Versuch, die Wirklichkeit und deren Gesetzmäßigkeiten möglichst zutreffend in Form von Hypothesen oder Theorien zu beschreiben. Jede Theorie unterzieht sich dabei nachvollziehbaren Methoden der Überprüfung und behält ihre Gültigkeit nur so lange, bis sie durch eine bessere Theorie ersetzt wird, die die beobachtbaren Phänomene noch genauer beschreiben und erklären kann.

Was manchmal übersehen wird: In einem hochdynamischen Geschehen wie der Pandemie ist die Halbwertszeit wissenschaftlicher Theorien ziemlich kurz. Das macht manche misstrauisch, kann allerdings kaum anders sein. Für Misstrauen sorgt auch, dass Wissenschaft ihren eigenen Ansprüchen längst nicht immer genügt, z.B. wenn Interessen von Geldgebern die Forschung massiv beeinflussen. Das spricht aber nicht gegen den grundsätzlichen wissenschaftlichen Ansatz, dass Ergebnisse nachvollziehbar und überprüfbar sein müssen. Was Wissenschaft nicht kann: sie kann keine Phänomene erforschen oder erklären, die wir bislang nicht unter standardisierten Bedingungen beobachten können. Wissenschaft kann auch die Einzigartigkeit individueller Existenz nicht erfassen und schon gar nicht deren Sinn. „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen lässt” (William Shakespeare).

Es ist menschlich, aufgrund eigener Erfahrungen Verallgemeinerungen vorzunehmen, wir schließen von uns auf andere. Wenn wir jedoch für unsere Einschätzung der Wirklichkeit lieber der Logik unseres eigenen Weltbildes vertrauen, anstatt auf wissenschaftliche Verfahren zurückzugreifen, sind wir anfällig dafür, in der eigenen Perspektive gefangen zu bleiben und nicht über den Tellerrand hinauszublicken. Was sich für uns persönlich stimmig anfühlt, ist für andere längst nicht immer nachvollziehbar. Je mehr wir, wenn wir in Frage gestellt werden, in eine Verteidigungshaltung geraten, desto weniger sind wir geneigt, unsere Ideologie zu überprüfen. Wir suchen dann vorrangig nach Hinweisen, die unsere Auffassung bestätigen. Es ist erstaunlich, zu welchen intellektuellen Manövern unser Verstand in der Lage ist, wenn er diesem Zweck untergeordnet wird. Nehmen wir – Vorsicht Triggerwarnung – das Thema Impfung, das gerade viele Menschen bewegt, gelinde gesagt. Weltweit sind Millionen Menschen an Covid gestorben und zumindest vergleichsweise nur eine sehr geringe Zahl nach einer Impfung. Und doch gibt es nicht wenige Menschen, die eine Impfung für gefährlicher halten als eine Infektion, und das nicht nur für sich persönlich, sondern auch für die Allgemeinheit. Es ist zwar theoretisch denkbar, dass es Impfrisiken gibt, die noch nicht erkannt wurden, aber aus meiner Sicht sind hier vor allem Glaubenssätze im Spiel. Aus dem eigenen Weltbild hergeleitete Überzeugungen wie

  • Impfungen nützen ausschließlich der Pharmaindustrie,
  • Impfungen schwächen das natürliche Immunsystem oder gar
  • „Menschen erheben sich über Gott und spritzen sich ein fremdes Gen, das nicht in unseren Körper gehört“ (Quelle),

können bei Bedarf gegen jedes Argument und jedes Forschungsergebnis immunisiert werden. Nicht selten sind unsere Glaubenssätze subtil und uns selbst nicht bewusst. In diesem Fall sind sie leider umso wirksamer – wir haben gar keinen Ansatzpunkt, um sie in Frage zu stellen.

Wie weit reicht unser Zweifel?

Auch an wissenschaftlichen Studien und Statistiken gibt es berechtigte Zweifel. Sind die Ergebnisse zuverlässig, die veröffentlicht wurden? Können wir ihnen vertrauen? Ich halte es für angebracht, Statistiken zu hinterfragen, denn selbst bei korrekten Zahlen lassen sie sich manipulativ präsentieren. Doch wenn – wie in obigem Beispiel – das Verhältnis von Impfrisiko zu Erkrankungsrisiko weltweit und in allen Statistiken so deutlich zulasten der Erkrankung ausfällt – von Kindern mal abgesehen – dann besitzt das doch eine gewisse Evidenz, vorsichtig formuliert.

Wenn wir dennoch etwas anderes glauben, dann kann einfach nicht wahr sein, was tagtäglich gemeldet wird. Wenn wir zudem mit einem gewissen Trotz an unserer Einstellung festhalten, dann darf es auch nicht wahr sein. In unserer Ideologie, also unserem Gedankengebäude, bleiben dann nur weit weniger evidente Erklärungen übrig wie z.B. diese: Einflussreiche Eliten aller Länder dieser Erde – ganz egal wie sie regiert werden – haben sich zu einem globalen Projekt zusammengeschlossen: Die Verarschung der Menschheit wahlweise im Interesse der Pharmaindustrie oder einer Verschwörung zur Kontrolle, Versklavung oder Dezimierung der Völker dieser Erde.

Um es klar zu sagen: Auch wenn es im Laufe der Menschheitsgeschichte viele Verschwörungen gab, halte ich diese Theorie für abwegig. Die These einer weltumspannenden Corona-Verschwörung ist allein logistisch nicht darstellbar. Sie besitzt allerdings einen verführerischen Charme. Der liegt nicht zuletzt darin, dass sie die allzu komplexe Wirklichkeit auf ein überschaubares Maß zurechtstutzt und uns die wohltuende Illusion vermittelt, wir könnten ein Stück Kontrolle über die Welt zurückgewinnen, wenn nur endlich die Drahtzieher enttarnt würden.

Es beunruhigt mich, dass sich im geistigen Umfeld solcher Theorien eine aus meiner Sicht höchst dubiose Partei gebildet hat, die mit wohlklingenden Begriffen wie Freiheit und Achtsamkeit auf Stimmenfang geht, sich bei näherer Betrachtung jedoch durch undemokratische bis korrupte Strukturen auszeichnet. Es würde mich weniger tangieren, wenn es nicht ehemals nahe Kolleg*innen gäbe, die solche Parteien in ihren Newslettern empfehlen.

Ideologische Wahrnehmungseinschränkungen finden sich nicht nur auf Seiten der sogenannten Coronaleugner und Impfgegner. Eine durchaus erhebliche Anzahl von Politikerinnen und Politikern hat sehr früh auf die ordnungspolitische Durchsetzung von Maßnahmen gesetzt anstatt auf kollektive Intelligenz, Solidarität und Verständnis. Auch dahinter kann man ein ideologisch verzerrtes Menschenbild vermuten, welches erheblich zur Polarisierung beigetragen hat. Schweden und Neuseeland z.B. sind deutlich andere Wege gegangen, mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen.
Auch das technokratische Verständnis von Krankheit und Gesundheit, das sich im Zuge des medizinischen Fortschritts entwickelt hat, hat erhebliche Schattenseiten, wie es in dem Bonmot „Gesund ist nur, wer nicht ausreichend untersucht wurde“ zum Ausdruck kommt.

Ich finde es bedauerlich, dass alternativmedizinische Ansätze – nicht nur in Bezug auf Corona – viel zu wenig erforscht werden, nicht zuletzt, weil damit kaum Geld verdient werden kann. In einer Marktwirtschaft investiert niemand Milliarden, wenn später kein exorbitanter Gewinn winkt. Auch wenn die Pandemie aus meiner Sicht nicht durch Naturheil- oder Hausmittel allein hätte in Schach gehalten werden können, hätte sie doch vielleicht in ihren Auswirkungen deutlich gemildert werden können. Ein simples Beispiel: Beim Zahnarzt bekam ich eine Mundspülung, bevor ich behandelt wurde. Es ist belegt, dass dadurch kurzfristig die Viruslast im Rachenraum reduziert wird. Solche Meldungen fanden durchaus den Weg in seriösere Medien, um dann doch wieder in Vergessenheit zu geraten. Mit Mundspülungen ist eben nicht viel zu verdienen, es sitzt keine Lobby dahinter. Blind zu sein für die dominierenden wirtschaftlichen Interessen in unserem Gesundheitssystem, verstehe ich ebenfalls als eine Form ideologischer Verblendung.

Wie verständigen wir uns über Wünsche und Ziele (was sein soll)?

Uns darüber zu verständigen, was tatsächlich der Fall ist oder nur Ausdruck einer ideologischen Wahrnehmungseinschränkung, ist bereits schwer genug. Noch schwieriger wird es, wenn die zweite Ebene mit ins Spiel kommt: Was sein soll. Hier geht es um die Werte, die unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Wenn wir beides vermischen, leiten wir den Status quo aus dem ab, an was wir glauben, wie im Beispiel des Impfrisikos dargelegt. Oder wir verleugnen einen Sachverhalt, weil er nicht zu unseren Wunschvorstellungen passt, z.B. dass hohe Geschwindigkeit die Gefahr schwerer Autounfälle steigert.
Oft wird auch so argumentiert, als ergäbe es sich ganz von allein, was zu tun ist, wenn wir nur wüssten, was der Fall ist. Doch spätestens wenn es darum geht, was sein soll, geht es nicht um Fakten, sondern um ideelle oder moralische Wertmaßstäbe. So ergeben sich beim Thema Gendern andere Schlussfolgerungen, je nachdem, wie wir Gleichberechtigung und Sprache verstehen und wie wir sie im Verhältnis zueinander gewichten.

In der Pandemie ist das nicht anders. Was ist uns wichtiger:

  • das Erkrankungsrisiko für uns selbst möglichst gering zu halten?
  • das Erkrankungsrisiko für besonders gefährdete Menschen zu minimieren?
  • eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern?
  • individuelle Freiheiten und Kontaktmöglichkeiten beizubehalten?
  • die möglichst geringe Beeinträchtigung wirtschaftlicher und kultureller Interessen?

Die Antwort versteht sich nur innerhalb einer Ideologie von selbst – ansonsten ist eine Abwägung erforderlich. Ob uns das gefällt oder nicht, realistisch betrachtet sind diese Ziele nicht alle gleichermaßen zu erreichen, es müssen Prioritäten gesetzt werden. Unterschiedliche Länder haben verschiedene Schwerpunkte gesetzt, aber kein Land kam ohne Probleme aus der Nummer heraus, Schweden nicht und Neuseeland auch nicht. Es gibt einen unvermeidlichen Zielkonflikt, der unterschiedlich beantwortet wurde. Erst wenn wir einen Zielkonflikt als solchen anerkennen, können wir uns sinnvoll darüber verständigen oder auch streiten, was uns wichtiger ist. Solange wir ihn verleugnen, verrennen wir uns in einseitigen Betrachtungsweisen, so als wären die Folgen der Maßnahmen kaum der Rede wert oder an Corona stürben sowieso nur bereits zum Tode Geweihte. Beides war im vergangenen Jahr zu hören, beides empfinde ich als zynisch. Auch beim Thema Impfung gibt es einen Zielkonflikt, verkürzt gesagt den zwischen individueller Freiheit und kollektiver Pandemie-Eindämmung. Allein diesen Konflikt als solchen zu benennen, scheint schon eine Überfoderung zu sein, geschweige denn den Konflikt auszutragen.

Wir können verschiedene Einschätzungen haben sein bezogen auf das, was ist, und wir können verschiedene Präferenzen haben bezogen auf das, was sein soll. Derartige Differenzen sind unvermeidlich; sie haben zumindest teilweise mit unseren unterschiedlichen Ideologien zu tun, mit unseren Weltanschauungen, mit unseren Ideen und Idealen. Doch stehen die Differenzen also solche bereits einem sinnvollen Dialog im Weg? Ich glaube nicht, ganz im Gegenteil, wir brauchen den Dialog, um mit Differenzen sinnvoll umzugehen.  Wo liegt dann das Problem?

Absolutheitsansprüche

Das Grundproblem einer Ideologie ist nicht, dass sie auf eigenen Ideen aufbaut und diese in einen – mehr oder weniger – plausiblen, logischen Zusammenhang bringt. Das Problem besteht auch nicht darin, dass Ideologien bestimmte Werte vertreten und Wege propagieren, wie diese Werte Berücksichtigung finden können. Das Problem liegt in ihrem Absolutheitsanspruch. Dieser kann sich auf unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beziehen („Es ist so und nicht anders!“), aber auch auf den Gültigkeitsbereich unserer Wertmaßstäbe, indem er ihn für universell erklärt („Das gehört sich so!“). Genau genommen haben wir es dann nicht nur mit einer Ideologie, sondern mit einem Dogma zu tun. Gemäß diesem kann und darf nicht diskutiert werden, was sein soll und was nicht. Stattdessen bezeichnen wir unsere Ansichten als unausweichlich, als ethisch geboten, als gottgegeben oder als nicht verhandelbare Grundrechte. Was bedeutet das im Einzelnen?

  1. Unausweichliches muss und kann nicht diskutiert werden. Wir müssen allerdings auch nicht dafür kämpfen, wie bereits erwähnt. Wer vorgibt, für etwas Unausweichliches einzutreten, wirft eine Nebelkerze, die seine tatsächlichen Motive verschleiert.
  2. Darüber, was ethisch geboten ist, lässt sich sehr wohl diskutieren, allerdings nur dann, wenn wir unsere Ethik nicht für allgemeingültig halten.
  3. Über Gottes Wille lässt sich prächtig spekulieren, aber können wir ihn zweifelsfrei erkennen? Und wenn wir ihn kennen, müssen wir für ihn kämpfen? Letzteres würde nur Sinn ergeben, wenn wir uns als von Gott dazu auserkoren wähnen, seinen Willen auf Erden durchzusetzen. Wohin das führt? Die Zeit der Kreuzzüge scheint leider bis heute nicht vorbei.
  4. Gibt es nicht verhandelbare Grundrechte?  Mit Ausnahme der Menschenwürde, die als unantastbar definiert ist, unterliegen auch die Grundrechte bestimmten Einschränkungen und sind keineswegs absolut gültig. Da lohnt sich eine nähere Betrachtung.

Grundrechte relativieren?

Auf unsere Grundrechte beriefen sich viele, welche die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie als verfassungswidrig abgelehnt haben. Was sie dabei übersehen: Grundrechte wie das Recht auf Freizügigkeit, Versammlungsfreiheit und sogar das Recht auf körperliche Unversehrtheit können in Konflikt miteinander geraten und sind dann nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gegeneinander abzuwägen. Die Behauptung, die Coronamaßnahmen würden Grundrechte einschränken, läuft ins Leere, wenn nicht berücksichtigt wird, welche anderen Grundrechte ihnen ggfs. entgegenstehen. Dieses Versäumnis können wir regelmäßig beim Übergang einer Ideologie in ein Dogma beobachten: Was der eigenen Sichtweise widerspricht, wird ausgeblendet oder verleugnet.

Zu Beginn der Pandemie waren viele fassungslos, dass sie ihre Freunde nicht mehr treffen durften oder ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen konnten. Das kann ich gut nachvollziehen, auch mich hat es hart getroffen. In einer solchen existenziell bedrohlichen Lage fordert es uns besonders heraus, die Perspektive zu wechseln. Manchmal überfordert es uns. Dass im Falle von Seuchen restriktive Maßnahmen ergriffen werden können, dürfen und manchmal sogar müssen, entsprach vor Corona nicht unserer Erfahrung. Dass so etwas nicht nur im totalitären China, sondern auch bei uns geschehen könnte, kam in der eigenen Vorstellung von Demokratie nicht vor.  So gab es für manche nur noch eine plausible Erklärung: Verfassungsbruch, Unterdrückung, Diktatur! Während die Erfolgsaussichten und die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen durchaus diskutiert werden kann und juristisch gesehen auch werden muss, ist die prinzipielle Ablehnung aller Maßnahmen unter Berufung auf Grundrechte eine Ideologie, die absolut gesetzt wird, also ein Dogma. Auf Facebook waren Sätze zu lesen wie: „Kann das noch ein freies Land sein, wenn ich ein Zertifikat brauche, um in ein Restaurant zu gehen?“ Meine Antwort lautet schlicht: Ja. Das kann sein. Andere schrieben: „Ich glaube ich bin im falschen Film!“ Das klingt, es säßen sie lieber im „richtigen“ Film anstatt sich der Realität zu stellen.

Ideologische Absolutheitsansprüche sind oft nicht leicht als solche zu erkennen. Ich habe lange gedacht, dass insbesondere Fragen zu stellen uns davor bewahren würde, auf bestimmte Antworten fixiert zu sein. Doch es kommt darauf an, ob es sich überhaupt um echte oder rein rhetorische Fragen handelt und wie sie gestellt werden. Fragen, die eher einem Geraune gleichen, haben Hochkonjunktur und eignen sich hervorragend zur unterschwelligen Verbreitung von Fake-News: Von wem wurde Saleem wohl dafür bezahlt, sich öffentlich für die Impfung auszusprechen? Ist er nicht selbst Heilpraktiker und sollte es eigentlich besser wissen?

Was macht uns anfällig dafür, unsere Ansicht zu überhöhen oder absolut zu setzen und gegen jedes Aber zu immunisieren? Ich sehe vor allem zwei Gründe:

  1. Schlechte Vorbilder. Gesellschaftliche Debatten sind leider oft kein gutes Beispiel für gelungene Dialoge. Die eigene Position als alternativlos hinzustellen und andere zu verunglimpfen, ist Tagesgeschäft vieler Politiker*innen. 
  2. Abwehr unerträglicher Gefühle. Indem wir zu einem Verhalten greifen, unter dem wir selbst einmal gelitten haben, schützen wir uns vor schmerzhaften Gefühlen wie z.B. dem der Ohnmacht. Wir ertragen es nicht, dass unsere Meinung nicht ernst genommen wird. Wir sind davon so überflutet, dass wir unsererseits andere nicht mehr ernst nehmen.

Das menschliche Dilemma

Beides wäre leichter zu überwinden, wenn nicht ein zutiefst menschliches Dilemma im Hintergrund lauern würde: Der Grundkonflikt zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohlorientierung, zwischen Selbstfürsorge und Solidarität, zwischen Autonomie und Zugehörigkeit. Die beiden Pole stehen unausweichlich in einem Spannungsverhältnis zueinander. Mittels einer Ideologie können wir dieses Dilemma zwar verschleiern und so tun, als stünden wir außerhalb davon bzw. würden keine eigenen Interessen im jeweiligen Thema verfolgen. Doch je weniger wir das Spannungsfeld anerkennen und je weniger wir dazu stehen, dass wir unausweichlich im Wortsinn uns selbst am nächsten sind, desto weniger Spielraum haben wir, andere Perspektiven einzunehmen und auf Bedürfnisse anderer einzugehen. Dann haben wir gefühlt nur die Wahl, uns selbst aufzugeben oder uns über andere zu erheben.

Es ist nicht leicht, es zu bemerken und noch schwerer, es uns einzugestehen, wenn wir auf die eigene Perspektive fixiert sind, denn das würde die Schutzfunktion unserer Fixierung bereits mindern. Wir brauchen diesen Schutz, wenn wir traumatische Erlebnisse wie Übergriffe oder mangelnde Empathie in der Kindheit bislang nicht verarbeiten konnten. So kann es sein, dass eine Impfung unbewusst mit einer Vergewaltigung assoziert wird und allein deswegen überhaupt nicht in Frage kommt. Der Appell an die Solidarität kann an eine frühere Erfahrung andocken, sich für die Familie opfern zu müssen und muss daher abgewehrt werden, solange das Trauma nicht geheilt ist. Über den Zusammenhang von Trauma-Aktivierung und gesellschaftlicher Polarisierung habe ich einen eigenen Text „Der Coronaspaltpilz und seine Heilung“ geschrieben, weshalb ich hier auf diesen wichtigen Aspekt des Themas nicht näher eingehe. Ohne die eigene Geschichte mit ihren Verletzungen einfühlsam anzuerkennen, werden wir uns aus einer Fixierung kaum lösen können. Der dahinter lauernde Schmerz ist im Unterbewusstsein als zu bedrohlich abgespeichert.

Brauchen wir mehr Konfrontation?

Für den gesellschaftlichen Diskurs, aber auch für die persönliche Gesprächskultur, ist die Kenntnis der Psychodynamik, die hinter einer sich selbst überschätzenden Ideologie steht, von großem Vorteil. Doch reicht es aus, uns empathisch angenommen zu fühlen oder uns zumindest selbst Einfühlung schenken zu können, um uns aus ideologischer Fixierung – aus dem Gefängnis unserer Überzeugungen – zu befreien? Ich habe lange daran geglaubt und mein Leitungsstil in Seminaren ist wesentlich davon geprägt, eine Atmosphäre von Akzeptanz zu schaffen und wenig bis gar nicht zu konfrontieren.

Inzwischen hege ich leise Zweifel und frage mich, was ich möglicherweise übersehe. Schon vereinzelt im Zusammenhang mit der Klimakrise, aber vor allem in der Corona-Pandemie habe ich beobachtet, wie auch Menschen mit reichlich Selbsterfahrung oder therapeutischer Begleitung anfällig für ideologisch bedingte Wahrnehmungsverzerrungen werden. Hier ein paar Beispiele:

  • Osho-Sannyasins, die früher kein Problem damit hatten, dass für den Eintritt in den Ashram ein HIV-Test verlangt wurde (obwohl die Übertragungswege von AIDS längst bekannt waren), fühlen sich jetzt durch Corona-Testpflichten gegängelt.
  • Therapeutinnen und Heilpraktiker fanden nichts dabei, auf Demos einen Judenstern mit der Aufschrift „ungeimpft“ zu tragen. Auf die Frage, ob sie kein Problem mit der mangelnden Abgrenzung zu Neonazis hätten, wurde mir versichert, von rechten Tendenzen hätten sie nichts mitbekommen, das sei ein Märchen der Mainstream-Medien.
  • AFD-Sprech wie „Lügenpresse“ oder „Merkel-Diktatur“ fand Eingang in die Psychoszene.
  • Traumatherapeut*innen schrieben Texte, deren Tonlage sie bei anderen wohl als deutlichen Hinweis auf eine frühere Traumatisierung diagnostiziert hätten. Ihre eigene Empörung betrachteten sie als heiligen Zorn.
  • In Onlineforen zum Thema Tantra wurde gefordert, Gruppen nur für Ungeimpfte anzubieten. Das Risiko, das von Geimpften ausginge, sei zu groß (das war noch vor der ungleichen Testpflicht).

Mich hat das mitgenommen und ich bin immer noch dabei, das zu verarbeiten. Es ist ja auch längst nicht vorbei. Dass nicht jedem gefällt, dass coronabezogene Einschränkungen mehr denjenigen gelten, die weder geimpft noch genesen sind, kann ich verstehen. Aber muss man darin eine Diskriminierung sehen? Wie wäre es, auch in diesem Fall die Perspektive zu wechseln und in Betracht zu ziehen, dass ohne Impfungen die Zahl der Krankenhauseinweisungen noch viel schneller ansteigen würde, und wir alle längst wieder noch viel krassere Einschränkungen ein Kauf nehmen müssten? Ich respektiere, wenn sich jemand aus welchen Gründen auch immer nicht impfen lässt. Ich würde mir allerdings wünschen, dass diejenigen die Konsequenzen ihres Handelns nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere und das Kollektiv auf dem Schirm haben, und das sogar dann, wenn sie an die Konsequenzen selbst nicht glauben. Wie – wenn nicht durch Impfung – können wir die Pandemie hinter uns lassen, ohne das Gesundheitssystem massiv zu überfordern? Auf diese Frage bleiben die meisten derjenigen, die sich nicht impfen lassen, eine sinnvolle Anwort schuldig, so als ginge sie das gar nichts an. Der Fußballtrainer Jürgen Klopp vergleicht die Situation mit dem Verbot, unter Alkoholeinfluss Auto zu fahren. Wir akzeptieren in der Regel das Fahrverbot, auch wenn wir uns sicher sind, dass uns persönlich das Gläschen Wein rein gar nichts ausmachen würde.

Lieber neutral bleiben?

Mir ist bewusst, dass ich mir durch das Mitteilen dieser Gedankengänge nicht nur Freunde mache, immerhin hackt gewöhnlich eine Krähe einer anderen kein Auge aus. Man könnte auch meinen, ich solle „neutral“ bleiben und alle Menschen so annehmen, wie sie nun mal sind. Doch würde das bedeuten, keine eigene Meinung zu haben oder sie für mich zu behalten? Ich kenne Kolleginnen, die es vorziehen zu schweigen, um ihre Klientel nicht zu verprellen. Ich kann das verstehen, habe für mich aber einen anderen Weg gewählt. Dem Konflikt auszuweichen ist für mich keine nachhaltige Lösung. Ihn auf eine niveauvollere Weise auszutragen, hilft vielleicht schon eher. Dazu möchte ich beitragen.

Dabei stelle ich mir immer mal wieder selbst eine Frage: Bin ich vielleicht derjenige, der hier etwas nicht wahrhaben will? Was sehe ich nicht? Natürlich fällt mir auf diese Frage rein gar nichts ein, zumindest nichts so Harmloses, dass ich es in diesem Text zugeben würde …
Ganz im Ernst: Auch ich erlebe zuweilen „heiligen Zorn“ und würde einige Zeitgenossen am liebsten auf den Mond schießen. Ich bin nicht frei davon, getriggert zu werden. Ich belasse es allerdings bei der Fantasie; das mit dem Mond wäre ja auch ziemlich aufwendig und nicht gut fürs Klima.

Bei aller Begrenztheit meiner persönlichen Perspektive: Ich sehe gerade in der psychospirituellen Szene eine besondere, eine spezifische Ideologie-Anfälligkeit oder genauer gesagt: Dogma-Anfälligkeit. Wie kann das sein? Sind „wir“ nicht viel weiter? Wie kommt es, dass Menschen, die sich ausführlich und bitter über Panikmache bezüglich der Gefahren von SarsCov2 beklagt haben, Panik bezüglich einer Impfung schüren, noch dazu wenig bis gar belegt, sondern auf der Grundlage von Halbwissen und purer Spekulation?

Schattenseiten einer Patchwork-Spiritualität

Aus meiner Sicht kann der Mechanismus der Projektion kaum besser illustriert werden als an obigem Panik-Beispiel. Ist dieser Mechanismus in der Psychoszene nicht bekannt? Doch, das ist er, aber es verhält sich so wie bei allen psychischen Abwehrmechanismen: Wir können uns gut darum herum mogeln, sie bei uns selbst zu erkennen. Hilfestellung bei dieser Mogelei leistet eine Entwicklung, die ich als Patchwork-Spiritualität bezeichnen möchte. Aus dem bunten Supermarkt psychospiritueller Methoden und Richtungen konnten wir uns jahrzehntelang immer das herauspicken, was sich gerade gut anfühlt. Das dazugehörige therapeutische Konzept (d.h. die jeweilige Ideologie) hat uns – wenn überhaupt vorhanden – wenig interessiert. Kaum jemand hat nach wissenschaftlicher Fundierung gefragt und ich muss zugeben, dass ich die für meine Arbeit kaum würde vorlegen können, insofern froh darüber bin.

In diesen vielfältigen Wahlmöglichkeiten liegt eine enorme Freiheit, um die uns viele Länder beneiden, in denen beispielsweise die hiesige Methoden-Freiheit von Heilpraktikerinnen undenkbar wäre. Vieles hat uns weitergebracht, aber – wie ich inzwischen ahne – diente manches auch der Vermeidung unbequemer Wahrheiten. Wir haben neue Glaubenssätze herausgebildet, die sich deutlich angenehmer anfühlen als die manchmal hässlichen Maximen unserer Kindheit wie „Eigenlob stinkt!“ oder „Stell dich nicht so an!“ Kein Wunder, dass wir die neuen Überzeugungen – einmal angenommen – nicht so schnell wieder loslassen wollen. Hier eine kleine Auswahl:

  • Ich bin okay, so wie ich bin!
  • Ich vertraue nur noch auf mein Bauchgefühl.
  • Mein Körper gehört mir, niemand schreibt mir vor, was ich damit mache.
  • Krankheiten sind Wachstumskrisen. Wir müssen sie annehmen und aus ihnen lernen, anstatt sie zu vermeiden.
  • Wir bekommen im Leben immer genau das, was wir unbewusst anziehen.
  • Es gibt nur ein Gesetz und das ist die Liebe.
  • Es gibt keinen Zufall, alles folgt einem göttlichen Plan.

Ich behaupte nicht, dass obige Sätze per se falsch sind, sie können je nach Kontext durchaus Sinn ergeben oder sogar eine heilsame Wirkung entfalten. Wenn wir sie jedoch absolut setzen, werden sie zu einem Dogma, mit dem sich alles und jedes legitimieren lässt. Dann können wir plötzlich nicht mehr erkennen, dass

  • okay zu sein kein Freibrief ist, anderen Menschen zu schaden.
  • ein Bauchgefühl auch in die Irre führen kann.
  • die Prävention von Krankheiten ebenso sinnvoll sein kann, wie aus ihnen zu lernen, und dass sich beides nicht ausschließt.

Von Rigidität zu innerer Reife

Solange wir vor allem selbst die Folgen unserer Glaubenssätze zu tragen hatten, fielen diese kollektiv nicht sonderlich auf (außer denen, die auf Selbsterforschung und Spiritualität schon immer allergisch reagiert haben; ein anderes Thema). In der Pandemie, in der wir plötzlich nicht mehr tun und lassen durften, was sich gut, richtig und wichtig anfühlte – z.B. Kontakte zu pflegen und anderen Menschen nahezukommen – wurden unsere Fixierungen auf die eigene Perspektive schonungslos offengelegt. Es braucht eine gewisse innere Reife, um anzuerkennen, dass etwas für die Gemeinschaft hilfreich oder gar notwendig sein kann, was uns persönlich unangenehm ist oder gar in Not bringt.

Kann Konfrontation – neben der notwendigen Empathie – zu dieser Reife beitragen? Wie sprechen wir aus unserer Sicht problematisches Denken und Verhalten an, ohne anmaßend zu werden oder ungefragt zu belehren? Wo verläuft die Grenze zwischen Zivilcourage und Missionierung? Wie balancieren wir die beiden Seiten aus, die immer wieder in Konflikt miteinander geraten, nicht nur zwischen uns, sondern auch in unserem Inneren: Eigeninteresse und Gemeinwohl? Das ist die spannende Frage, die aus dem bereits skizzierten menschlichen Dilemma erwächst. Eine Seite auszublenden, halte ich für keine lohnende Option. Das Dilemma wird uns durch die fortschreitende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen in Zukunft noch weit mehr fordern und auch überfordern als in der gegenwärtigen Pandemie.

Ideologie, die absolut gesetzt und damit zum Dogma wird, finden wir nicht nur in der psychospirituellen Szene. In uns fremden Glaubenssystemen erkennen wir Ideologien allerdings deutlich leichter als im eigenen Weltbild und sie kommen uns besonders abwegig oder rigide vor. Ideologien werden umso starrer, je brisanter das Thema, auf das sie sich beziehen. Oft geht es um Politik, Geld oder Sex:

  • Geld regiert die Welt.
  • Ohne Wirtschaftswachstum kein Wohlstand.
  • Klimaschutz ist unbezahlbar.
  • Macht korrumpiert.
  • Männer ticken grundsätzlich anders als Frauen.
  • Homosexualität ist ☐ angeboren ☐ wider die Natur (Zutreffendes bitte ankreuzen!).
  • Prostitution ist ☐ gegen die Menschenwürde ☐ eine Arbeit wie andere auch.
  • Pornografie ist ☐ schmutzig ☐ nur für Männer ☐ frauenfeindlich.
  • Der Mensch ist von Natur aus ☐ monogam oder ☐ polygam.
  • Gott liebt uns, aber wer kein gottgefälliges Leben führt, landet in der Hölle.
  • Das Ziel menschlicher Bewusstseinsentwicklung ist die Erleuchtung.

Ideen sind weder wahr noch falsch

Auch diese Sätze sind nicht alle falsch, zumindest lassen sie sich kaum widerlegen. Sie sind aber auch nicht wahr. Das liegt in der Natur von Ideen, sie sind weder wahr noch falsch, sondern eine Kreation unseres Geistes, an der wir uns orientieren können – oder auch nicht. Wenn wir sie zu einem komplexeren Weltbild ausbauen, werden sie zur Ideologie, zu einem Modell unserer Vorstellung von Wirklichkeit. Das Verhältnis von Ideologie zur Wirklichkeit entspricht dabei dem einer Landkarte zur Landschaft. Ideologie wie Landkarte können die Wirklichkeit mehr oder weniger gut erfassen, reduzieren jedoch stets deren Komplexität (wofür wir sie brauchen) und enthalten einen eigenen Fokus. Beide existieren erst durch ihren Verfasser und besitzen maximal eine relative Gültigkeit.

Interessanterweise relativiert ausgerechnet der aktuelle Papst (seine Vorgänger waren in ihrer „Unfehlbarkeit“ Prototypen absolutistischer Chef-Ideologen) seinen Glauben und ruft tatsächlich in gewissen Grenzen dazu auf, andere Glaubensrichtungen zu respektieren. Ich würde ihn nicht als Vorbild wählen, aber doch die Frage anschließen: Wie können wir uns – ob wir nun Papst sind oder aufgeklärte Humanisten – unserer Ideologie bewusstwerden und sie als unsere Perspektive relativieren, anstatt sie zum Dogma zu erheben? Wie kommen wir zu der Erkenntnis, dass unsere Thesen keine absolute Gültigkeit besitzen? Wenn wir diesen Schritt nicht gehen, kann aus unserer Ideologie nicht nur ein Dogma werden, sondern womöglich Fanatismus. Der Mord eines Maskengegners an der Tankstelle in Idar-Oberstein ist ein aufrüttelndes Beispiel.

Allerdings: Die Anerkennung der Relativität aller Erkenntnis kann uns auch vom Regen in die Traufe führen und uns veranlassen, in Beliebigkeit abzudriften, infolge derer jede noch so abwegige These als „alternativer Fakt“ auf einer Stufe mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen gestellt wird. Manch einer sieht es als einen Mangel von Presse- und Meinungsfreiheit an, dass nicht jede Theorie eine gleichrangige mediale Bühne bekommt, ganz egal wie belegt oder unbelegt ihre Thesen sein mögen. Doch dafür gibt es gute Gründe, denn eine rein formale Balance wäre eine „false balance“. Seriöser Journalismus zeichnet sich nicht einfach dadurch aus, als Sprachrohr für alles und jedes zu dienen, sondern auch durch sorgfältige Recherche. Hier geht es um Medienkompetenz, die immerhin schon in manche Lehrpläne Eingang findet.

Sinnvoller Umgang mit der eigenen Ideologie

Eine Impfung gegen übersteigerte Ideologie oder Fanatismus steht bislang nicht zur Verfügung und wird es wohl niemals geben. Was also können wir tun, um unsere eigene Ideologie als solche zu erkennen und einen sinnvollen Umgang mit ihr zu entwickeln? Hier einige Anregungen:

  1. Sich der eigenen Ideologie bewusst werden. Wir können uns selbst fragen: An was glaube ich? Wovon bin ich überzeugt? Kann ich mir sicher sein, dass es wahr ist?
  2. Zwanghaftigkeit erkennen. Wollen wir unseren Mitmenschen unsere Ideen anbieten, sie unbedingt davon überzeugen oder sie ihnen aufzwingen?
  3. Widerspruch zulassen. Können wir andere Meinungen anhören und ernsthaft in Betracht ziehen? Was bringt uns an unsere Grenzen oder völlig aus der Fassung?
  4. Die emotionale Ladung identifizieren. Mit welchen Gefühlen und welcher Intensität sind unsere Glaubenssätze und Überzeugungen verknüpft?
  5. Den eigenen biografischen Hintergrund erkennen. Was hat die emotionale Ladung mit unserer eigenen Geschichte zu tun? Welche alten Verletzungen brauchen empathische Aufmerksamkeit?
  6. Das Gegenteil formulieren. Wie lautet das Gegenteil unserer „Wahrheit“. Können wir auch darin einen Funken Wahrheit erblicken?
  7. Die eigene Subjektivität wertschätzen. Können wir uns einbringen und Einfluss nehmen, ohne die Kontrolle zu haben? Können wir unseren Standpunkt einnehmen und dabei berührbar und verletzlich bleiben? Dürfen wir uns irren?
  8. Flexible Grenzen. Können und dürfen wir unsere persönlichen Grenzen setzen, ohne dafür unbedingt im Recht sein zu müssen?

Ideologiefrei Leben?

Wäre es erstrebenswert, ganz ohne Ideologie durchs Leben zu gehen? Nach allem Gesagten klingt das vielleicht verlockend. Im spirituellen Umfeld genießt die Idee, uns weder um die Vergangenheit noch um die Zukunft zu kümmern, sondern ganz im Hier und Jetzt zu leben, große Beliebtheit und wird oft auch als Freiheit von Ideologie angesehen: Nur die Gegenwart ist wirklich, alles andere ist Einbildung, Illusion. Ja, ganz im Hier und Jetzt sein zu können, wirklich anwesend im Moment, ist eine beglückende Fähigkeit und eine wesentliche Ausrichtung für meine berufliche Tätigkeit. Wenn wir daraus allerdings eine Pflicht machen, wird auch diese wieder zum Dogma. Ähnlich verhält es sich mit weiteren Orientierungspunkten, die mir wertvoll erscheinen, wie Sein mit dem, was ist oder das Sein kommt vor dem Tun. Sie können helfen, aus dem Hamsterrad zwanghafter Aktivität auszusteigen und uns auf Wesentliches zu besinnen. Aber auch diese Wegweiser können uns in die Irre führen, indem wir sie z.B. so interpretieren, als sei das, was ist, identisch mit dem, was sein soll, so als sollten wir keine Wünsche mehr haben und stets alles so hinnehmen, wie es ist.

Ich verstehe das anders. Sein mit dem, was ist, konfrontiert uns mit den inhärenten Widersprüchen des Seins, mit den Paradoxien des Lebens, es ist nicht eindeutig, sondern mehrdimensional. Es enthält neben dem Status quo z.B. auch unsere Wünsche nach Veränderung, auch diese sind bereits Teil der Gegenwart. Ein solches Verständnis bewahrt uns eher davor, dass vermeintliche Eindeutigkeit zu ideologischer Fixierung gerinnt.

Der Fixierung entkommen

Wie können wir der Gefahr einer ideologischen Fixierung entgehen? Statt zu versuchen, ideologiefrei zu leben, plädiere ich dafür, unsere Ideologie als solche anzuerkennen und sie zu hegen und zu pflegen, als unsere subjektive Ideenlogik, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Auf dieser Basis können wir anderen Menschen mit anderen Ideen auf Augenhöhe begegnen – wenn wir denn wollen. Anstatt Objektivität für uns in Anspruch zu nehmen, kümmern wir uns um eine gemeinsame Basis für intersubjektiven Austausch. Meine Erfahrung hat mir gezeigt: Es geht mir am besten, wenn ich gut für mich sorge, dabei aber berührbar bleibe vom Schicksal meiner Liebsten, meiner Mitmenschen bis hin zum Schicksal der Menschheit und des Lebens auf diesem Planeten. Unsere Berührbarkeit lässt uns das Schicksal anderer am Herzen liegen. Nicht nur zu meinem eigenen, sondern zu unser aller Wohlbefinden beizutragen, so möchte ich das Abenteuer des Menschseins verstehen. Ich finde, das macht glücklich. Ich ahne aber, dass das nicht alle Menschen so sehen.

Wenn wir unterschiedlicher Ansicht sind, fordert uns das heraus, uns in unserer Unterschiedlichkeit zu begegnen. Eine für beide Seiten bereichernde Begegnung und echter Dialog werden möglich, wenn wir zweierlei beherzigen: 

  1. Wir wollen uns gesehen, verstanden und angenommen fühlen. Wir sind daher gut beraten anzunehmen, dass auch unser Gegenüber sich Ähnliches wünscht.
  2. Wir stoßen an Grenzen. Realistischer Weise werden wir uns nicht immer gesehen, verstanden und angenommen fühlen.

Die gute Nachricht: Wenn wir beide Seiten im Gewahrsein halten, können sie sich gegenseitig ergänzen und sogar unterstützen. Immer angenommen zu werden, fühlt sich sicher an, fordert uns aber kaum noch aus unserer Komfortzone heraus und wird irgendwann langweilig. Permanente Herausforderung würde uns überfordern und mündet meist in Streit oder Rückzug. Es ist die Balance zwischen diesen beiden Polen, die menschlichen Kontakt erfüllend werden lässt. Eine Balance werden wir umso eher finden, je besser wir lernen, unsere Perspektive zu wechseln. Dann kann ich wählen:

  • Versetze ich mich in dich hinein und fühle mit dir? Damit erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit, dass du dich gesehen, verstanden und angenommen fühlst.
  • Fordere ich dich heraus, indem ich deutlich mache, was ich anders sehe, erlebe oder bewerte? Damit werde ich sichtbar und rege ich dich an, deinerseits die Perspektive zu wechseln und über deinen Tellerrand hinauszuschauen.

Zusammenfassung und Schluss

Das war jetzt viel Stoff. Damit der rote Faden meiner Ideologie erkennbar bleibt, hier nochmal die wesentlichen Gedanken.

  1. Unsere Diskussionskultur lässt zu wünschen übrig. Das liegt nicht zuletzt an unserem fehlgeleiteten Umgang mit Ideologien.
  2. Ideologien sind nicht nur unvermeidbar, sie dienen sogar der Verständigung, wenn sie die Logik eigener Ideen transparent machen.
  3. Ideologie wird zum kommunikativen Problem, wenn sie überhöht, absolut gesetzt oder mit der Wirklichkeit verwechselt wird. Dann wird sie zum Dogma.
  4. Ideologie, die als objektive Wahrheit missverstanden wird, verstellt den unvoreingenommenen Blick auf und die Verständigung über das, was ist.
  5. Wenn wir unsere ideologischen Wertvorstellungen für allgemeingültig halten, verhindern wir den offenen Dialog über das, was sein soll.
  6. Ideologie kann der Schmerzvermeidung dienen. In diesem Fall sind wir besonders anfällig dafür, sie zu überhöhen oder als Wahrheit zu verkennen.
  7. Psychologische Selbsterfahrung oder ein spirituelles Weltbild bewahren uns keineswegs vor ideologischer Verblendung.
  8. Dialog gelingt eher, wenn wir zu unserer Subjektivität stehen und zugleich bereit sind, immer mal wieder die Perspektive zu wechseln.
  9. Ein offener Dialog braucht gegenseitige Empathie, aber auch eine Konfrontation mit unseren Differenzen.
  10. Ein hervorragendes Mittel gegen ideologische Fixierung: Humor.

Kürzlich habe ich mich zusammen mit meiner Liebsten gefragt, was uns dazu bringt, mit einem Menschen Zeit verbringen zu wollen. Was lässt uns Kontakt und Dialog genießen? Das vorläufige Ergebnis unseres Gesprächs: Erst eine gelingende Balance zwischen vertrautem Angenommen-Sein und inspirierender Herausforderung macht uns zufrieden, besonders wenn damit ein warmherziger und doch zuweilen spitzer Humor einhergeht, der sich vor allem auf uns selbst richtet und weniger auf Dritte. Kontakt wird attraktiv, wenn wir uns sowohl selbstironisch kommentieren als auch uns gegenseitig auf die Schippe nehmen können. Wir brauchen beides, Gemeinsamkeit und Differenz, und Humor ist ein hervorragendes Antidot gegen ideologische Fixierung. Je weniger wir in unserer Ideologie gefangen sind, je mehr wir sie mit etwas Demut als unsere subjektive Orientierung anerkennen, desto eher kann es gelingen, dass wir – privat wie gesellschaftlich – zu einem neuen, befriedigenderen Miteinander finden.
Amen.

Einige Textstellen sind mit weiterführenden oder erläuternden Links zum jeweiligen Thema versehen. Hier nochmal eine kurze Übersicht über Texte von mir, die mehr oder weniger mit Ideologie zu tun haben.

Ich freue mich über Kommentare. Sie müssen nicht ideologiefrei sein, dürfen aber gerne die eigenen Vorannahmen transparent machen und konkret auf meinen Text Bezug nehmen.

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Die Zukunft der Schule des Seins

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Zwölf Monate des Hoffens und Bangens, wann was wieder möglich sein wird, haben mich mürbe gemacht. Auch der schmerzliche Abbruch eines laufenden Jahrestrainings mitten im Prozess hat Spuren hinterlassen, ich habe daran gedacht, „den Laden dicht zu machen“.

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Ein Roman als Lebenshilfe?

Ja, aber gibt es denn nicht Romane, die eine klare Botschaft haben? Ja, die gibt es! Man könnte sie Weiterlesen

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Ich zuerst – das menschliche Dilemma in Zeiten der Pandemie

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Sex oder Herz? Sex und Herz!

Sie will Liebe, er will Sex? So plump behauptet das kaum noch jemand, aber in der etwas anspruchsvolleren Version ist die These durchaus en vogue: „Sie braucht den Herzkontakt, um sich im Sex zu öffnen, er braucht den sexuellen Kontakt, um sich im Herzen zu öffnen.“ Manche Tantriker beschreiben das Ganze als energetisches Phänomen: „Der Mann hat im Sex seinen Plus- und im Herzen seinen Minuspol, bei der Frau ist es gerade umgekehrt.“

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Tantra goes Belletristik

Die gefährliche Unausweichlichkeit der Liebe

Fast zehn Jahre ist es her, dass ich den Entschluss gefasst und damit begonnen habe, einen Roman zu schreiben. Warum? Weil ich vieles von dem, was ich in meinem Leben und insbesondere im Umfeld psychologischer, körpertherapeutischer, tantrischer und sexpositiver Räume und Seminare erlebt habe, in keinem Roman wiederfand. Wenn Tantra überhaupt darin vorkam, dann in parodistischer bis zynischer Verzerrung oder kitschiger Überhöhung.

Die gefährliche Unausweichlicheit der Liebe – Romandebüt von Saleem Matthias Riek

Ähnlich ging es mir mit den Themen Liebe, Intimität und Sexualität. Hier kann ich natürlich nicht behaupten, dass diese Themen in der Belletristik nicht vorkämen, ganz im Gegenteil. Aber was darin explizit wie implizit über Lust und Liebe von Frauen und Männern ausgesagt wird, hat mich nicht befriedigt: zu viele unhinterfragte Klischees (attraktiver, aber verkorkster Millionär trifft auf erotische Unschuld …), zu wenig Differenzierung bei den Sehnsüchten, der fulminante Orgasmus als Ziel jeder sexuellen Interaktion und Heteronormativität bis zum Abwinken. Unkonventionelle Beziehungsformen? Polyamorie? Sexpositive Räume? Spiritueller Sex? Weiterlesen

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Schule des Seins Newsletter April 2020

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was soll ich mitteilen? Seit sehr langer Zeit verbringe ich Ostern mal nicht im Seminarhaus. Und die Schule des Seins steht still.
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Genau genommen handelt es sich um eine Hereinforderung. Wir sollen zuhause bleiben. Für manche von uns ist das eine leichte Übung, vielleicht genießen wir sogar die Entschleunigung, die Gelegenheit zur Besinnung, das Ankommen im Sein statt im Tun.
Aber ich möchte nichts beschönigen. Für andere ist es ein Horrortrip, sie fühlen sich Weiterlesen

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Die Coronakrise

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Zu dieser Frage habe ich ein Gespräch mit Adriana Feldhege geführt.

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Covid-19 Pandemie – Links zur vertiefenden Information und Diskussion

Fake-News von Minderheitenmeinungen unterscheiden

Chancen der Pandemie

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