Was macht erotisch attraktiv?

Kürzlich saßen im Osterworkshop Lustwandel Frauen und Männer einander gegenüber und konnten sich Fragen stellen. Ein Mann fragte die Frauen: Was macht für euch einen Mann erotisch-sexuell attraktiv? Die bereits aufmerksam knisternde Atmosphäre verdichtete sich noch weiter. Was würden die Frauen darauf antworten? Nun, die Antwort fiel erstaunlich einfach aus, so einfach, dass die Männer es schier nicht glauben konnten: Wenn ihr euch nicht verstellt, sondern euch so zeigt, wie ihr seid!

maennerKonnte das wahr sein? Frauen finden Männer attraktiv, wenn sie sich zeigen, wie sie sind? Da fallen einem natürlich sofort Gegenbeispiele ein. Nicht immer findet es Anklang, wenn wir uns mit unserer tatsächlichen Befindlichkeit zeigen: Mit unserer Unsicherheit. Unserer Lüsternheit. Unserem Bauchansatz. Unserem Zwiebelgeruch. Unserem Besserwisser. Das alles kann auch ganz schön abtörnen.

Wir könnten jetzt lange diskutieren, ob die Behauptung der Frauen wahr sei oder nicht, aber kürzen wir das Ganze mit der Unterscheidungsgabe meines früheren Mathematiklehrers ab: Authentizität ist notwendig, aber nicht hinreichend. Wenn wir uns zeigen und zu uns stehen, erhöht das auf Dauer eher unsere Attraktivität als dass es sie mindert. Aber das ist nicht alles. Was jemanden wirklich antörnt, können wir nie genau wissen, es bleibt dem individuellen Spiel erotischer Anziehung überlassen. Es lässt sich nicht ganz entschlüsseln. Zum Glück.

Es kann ein erhebendes Gefühl sein, nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen, erotische Anziehungskraft zu spüren und begehrt zu werden – zumindest insoweit wir die Fähigkeit und Erlaubnis in uns spüren, Grenzen zu setzen und jederzeit nein sagen zu dürfen. Aber um begehrt zu werden, setzen wir oft aufs falsche Pferd. Wir fragen uns mehr: „Wie komme ich an?“ anstatt „Wie finde ich mich selbst unwiderstehlich?“ Erotische und sexuelle Selbstliebe sind oft noch sehr mit Scham besetzt, manchmal offensichtlich, manchmal gut vor uns selbst versteckt. Können und dürfen wir vorbehaltslos genießen, ein sexuelles Wesen zu sein? Lustvoll pulsierend durchs Leben zu gehen?

saraswatiWir mögen vielleicht glauben, dies sei sehr privat, aber es steckt uns noch in den Knochen, dass Kirchen und andere gesellschaftliche Autoritäten über Jahrtausende ein Mitspracherecht, wenn nicht sogar die Entscheidungsbefugnis darüber beansprucht haben, wie wir unsere Lust zu leben haben. Das macht es naheliegend, den Blick nach außen zu wenden und uns abzusichern: Wie komme ich an? Darf ich mich unverschämt lustvoll zeigen? Zu wissen, dass der Blick nach außen auf Dauer unsere Attraktivität nicht erhöht, kann uns helfen und motivieren, die Bestätigung für unsere Lust in uns selbst zu finden. Manche machen dabei die Erfahrung: Es fühlt sich sooo gut an, das kann keine Sünde sein! Vielleicht braucht es dafür etwas Übung…

Was für die Lust gilt, gilt möglicherweise auch für die Liebe. Auch hier kann es helfen, uns liebevoll uns selbst zuzuwenden, anstatt von unseren Mitmenschen zu erwarten, unsere Bedürftigkeiten zu stillen. Auf dieser Basis wird ein Leben in Lust und Liebe vielleicht nicht mehr so utopisch, wie es manchmal den Anschein hat.

Ich wünsche uns allen immer wieder den Mut, die Quellen von Lust und Liebe in uns zu finden und sie großzügig miteinander zu teilen.

Herzliche Grüße

Saleem

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
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