Die Geschichte vom Spüren und es einander recht machen

„Ich spüre ihn nicht“, klagt die Frau.
„Ich kann es ihr nicht recht machen!“, seufzt der Mann.

Manchmal finde ich es erstaunlich, wie oft ich diese Klassiker gendertypischer Kommunikation zu hören bekomme. Ich würde sie gerne lustig finden, wenn ich nicht zugleich mitfühlen würde, wieviel Schmerz mit ihnen verbunden ist.

Was wäre eine gute Alternative? Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Wenn eine Frau einen Mann nicht spürt, kann es daran liegen, dass er ihr so fremd ist, dass sie sich kaum in ihn einfühlen kann. Häufig ist es aber so, dass sich Männer tatsächlich wenig fühlen. Es wurde ja vielen von uns abtrainiert. Es ihm vorzuwerfen, hilft dann nicht weiter. Aussichtsreicher wäre es, wenn sie ihre Bedürfnisse so artikuliert, dass er eine Chance hat, darauf einzugehen, auch ohne sich selbst klar zu spüren. Beispielsweise so: „Ich möchte mich an dich kuscheln und dabei manchmal einfach nur da liegen und deinen Körper spüren. Dann wieder möchte ich mich bewegen und dass du auf meine Bewegungsimpulse antwortest, mit deinen Bewegungsimpulsen. Und später sprechen wir darüber, wie das für uns war. Okay?“

Einen solchen Wunsch zu formulieren, würde für die Frau allerdings bedeuten, dass sie mehr Verantwortung übernimmt, was durchaus mit inneren Widerständen verbunden sein kann und deswegen vielleicht nicht besonders attraktiv klingt.

Wenn ein Mann den Eindruck hat, es ihr nicht recht machen zu können, ist er versucht, sich frustriert zurückziehen. Das macht es allerdings nicht besser. Auch er ist wahrscheinlich mit inneren Widerständen konfrontiert, wenn es um seine Verantwortung geht.

Er könnte sie darum bitten, ihm möglichst konkret zu sagen, was sie sich von ihm wünscht, ohne dabei zu versprechen, dass er diesen Wunsch auch erfüllen kann oder wird. Ihr Wunsch an ihn sollte sich auf etwas beziehen, was in seiner Macht steht und wozu er ja oder nein sagen kann. Die obige Kuschel-Bitte könnte so etwas sein. Wenn sie sich hingegen von ihm wünscht, ihr erotische Gefühle zu verschaffen oder ihr Herz zu berühren, dann steht das eben nicht allein in seiner Macht. Er kann dazu sinnvoller Weise weder ja oder nein sagen, ohne sich auf sehr dünnes Eis zu begeben. Versucht er es dennoch, ist die Enttäuschung häufig vorprogrammiert.

Zur Klarstellung: Die skizzierte Rollenverteilung ist, das gebe ich zu, ziemlich klischeehaft und kommt natürlich auch andersherum vor.

Wenn wir mehr Lust und Liebe erleben wollen, gibt es einiges, was wir dafür tun können. Es funktioniert aber nicht, dieses Ziel direkt und unmittelbar anzustreben. Ihr kennt das: Wenn du Lust haben oder Liebe empfinden sollst oder gar musst, löscht es dich sofort oder ziemlich bald ab. Stattdessen kannst du für Lust und Liebe einen „Raum“ schaffen, in dem sie sich eingeladen fühlen und entfalten können.
Ein solcher Raum entsteht aus einer Kombination von Absicht und spielerischer Neugier. Die Absicht oder Intention gibt die Richtung vor, es ist nicht egal, um was es geht und was du vorschlägst. Die Neugier wiederum sorgt dafür, nicht allzu zielstrebig vorzugehen, sondern zu spielen, zu experimentieren, zu forschen und zu entdecken. Das Spielerische gibt die implizite Erlaubnis, dass etwas „schiefgehen“ darf, dass nicht nur Lust und Liebe, sondern auch andere Gefühle auftauchen dürfen bis hin zu Unlust und dass das Herz sich nicht permanent öffnen muss, sondern sich immer mal wieder auch verschließen darf. Leben in Lust und Liebe ist nichts Statisches, es erfordert innere und äußere Beweglichkeit und auch eine gewisse Toleranz für Enttäuschungen.

Gemeinsam lässt sich ein solcher Raum am besten entdecken, wenn wir ein „Forschungs-Team“ bilden. Auf dieser Basis können wir spielerisch erkunden, was Lust und/oder Liebe eher unterstützt und was eher nicht. Fehler sind dann keine Fehler mehr, sondern Wegweiser für die weitere Erkundungsreise.

Besonders hilfreich ist es, uns weniger in Kategorien von Entweder/oder zu bewegen, sondern von Sowohl/als auch bzw. mehr oder weniger. Ich nutze dafür gerne das Bild von einem Mischpult. Musik würde ziemlich hohl, wenn wir z.B. die Höhen und Tiefen nur ein- oder ausschalten könnten, anstatt sie stufenlos zu regeln. Ähnlich ist es bei intimer Interaktion: Sie wird umso facettenreicher, je mehr Regler wir fein abstimmen können, um eigene Impulse einzubringen und auf die Impulse unseres Gegenübers zu antworten. So öffnet sich ein reichhaltiges Universum von Kommunikationsmöglichkeiten, verbaler und vor allem auch nonverbaler Art.

Mit einem solchen Repertoire ausgestattet wird es wesentlich leichter, uns selbst zu spüren und einfühlsam aufeinander zu antworten. „Ich spüre dich nicht!“ und „Nie kann ich es dir recht machen“ können wir dann als ehemals bevorzugte Dialog-Bausteine verabschieden und sie nur dann reaktivieren, wenn wir mal wieder richtig Lust auf Drama haben. Es kann gut sein, dass uns diese Folterinstrumente der Paar-Kommunikation irgendwann langweilen … oder aber köstlich amüsieren. Ich wünsche dir viel Vergnügen auf deiner Erkundungstour.

Herzliche Grüße

Saleem

PS1: Wenn du im Rahmen eines Workshops den Geheimnissen eines Lebens in Lust und Liebe näher auf die Spur kommen möchtest, gibt es dazu schon sehr bald Gelegenheit: In meiner tantrischen Ferienwoche in der Toskana.

PS2: Kürzlich erschien ein Text auf Zeitonline, der in eine ähnliche Richtung weist: Die beste Therapie bei Beziehungskrach

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
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