Lieb und Teuer – eine Rezension

Ihr Buch ist kaum erschienen und macht bereits Furore. Die Autorin Ilan Stephani, 31, wird von Interview zu Interview weitergereicht und darf ihre durchaus unbequeme Position zum Megathema Prostitution ausführlich darstellen und begründen. Die Interviews lassen mich hoffen, im Buch nicht nur eine differenzierte Position zu diesem emotional so hoch aufgeladenen Thema zu finden, und ich werde nicht enttäuscht:

  1. Die ausbeuterischen und gewalttätigen Formen von Prostitution werden nicht verleugnet oder verharmlost.
  2. Die Autorin wirft nicht – wie leider allzu oft üblich – alles, was mit Sex gegen Geld zu tun hat, in einen Topf. Sie unterscheidet und kommentiert ungefähr so:
    1. Zwangsprostitution und Menschenhandel. Beides seien Verbrechen.
    2. Prostitution aus der Notwendigkeit heraus, Geld zu verdienen. Das gelte aber auch für viele andere unattraktive oder gefährliche Jobs.
    3. Prostituierte, die ihre Arbeit gerne machen. Die gebe es, aber sicher nicht so häufig.
    4. Zuverlässige Zahlen zu A. bis C. gibt es nicht.
  3. Die Autorin bleibt nicht beim Thema Sex gegen Geld stehen, sondern sieht in dessen Erscheinungsformen vor allem einen Spiegel für den Umgang mit Sex in unserer Gesellschaft überhaupt. Einen sehr ernüchternden Spiegel.

Das Buch ist dramaturgisch geschickt aufgebaut. Es verknüpft auf eindringliche Weise die Erzählung eigener Erfahrungen als sexuelle Frau und aus den beiden Jahren als Hure mit psychologischer Einfühlung und gesellschaftsrelevanten Überlegungen. Es zieht mich von Anfang an hinein.

Der Weg in den Puff und wieder hinaus

Sie berichtet von ihrer anfänglichen Begeisterung für diesen Job, von den ganz normalen Kolleginnen, von der überraschenden Normalität des gekauften Sex, von menschlich berührenden Momenten mit Freiern, von wilder Lebendigkeit in dieser fremden Bordell-Welt, aber auch von Ödnis und Gewalterfahrungen bis hin zur Langeweile, die sie eines Tages aussteigen lässt. Zuvor hat sie in einem Tantramassage-Workshop erfahren, dass Sex so viel mehr sein kann, als was man so kennt.

In der oft heillosen Prostitutions-Debatte, in der die ideologischen Fronten zwischen Pro und Contra verhärtet sind und oft keiner mehr dem anderen zuhört, verschafft sich die Autorin auf doppelte Weise Autorität: Zum einen durch die authentischen, nachvollziehbaren und gut reflektierten Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen im Puff, zum anderen, weil sie nicht so naiv ist, ihre Erfahrungen im Nobelbordell für allgemeingültig zu halten, sondern ganz offen zugibt, dass sie sich unter vergleichsweise optimalen Bedingungen prostituieren konnte. Aber das zeigt: Neben kriminellem Menschenhandel, Zwang und Gewalt gibt es ihn eben auch, den ganz normalen Sex gegen Geld. Was ist davon zu halten? Ist normal auch gut?

Die sexuelle Matrix

Ihre fundiert erarbeitete Autorität wirft die Autorin für ihre entscheidende These in die Waagschale: Nicht der so gerne skandalisierte Tausch von Sex gegen Geld ist das eigentliche Problem, sondern nur besonders krasses Symptom einer kulturellen sexuellen Matrix, die wir in der Prostitution gespiegelt bekommen (mit sexueller Matrix meint sie das „Netz aus Prägungen, Bildern, Prinzipien und Ansprüchen, das wir dem Sex übergeworfen haben“). Was sich im Puff und drum herum abspielt, hält uns allen einen Spiegel vor.

Dieses Spiegelbild leuchtet sie in seinen wichtigsten Facetten aus und konfrontiert mit so manch unbequemer Wahrheit: Nicht nur Frauen, sondern auch Männer leben sexuell – gelinde gesagt – weit unter ihren Möglichkeiten. Die meisten Menschen sitzen traurig den Konventionen und Mythen darüber auf, was Sex ist und wie er vonstatten zu gehen hat. Mit gravierenden Folgen:

  1. Nicht nur Huren, sondern die meisten Frauen sind oft nicht in der Lage, nein zu sagen, wenn Männer ihre Grenzen überschreiten oder sie gar vergewaltigen. Warum? Frauen werden von klein auf daraufhin sozialisiert, zu lächeln und nett zu sein und nicht für Bedürfnisse einzustehen, schon gar nicht ihre sexuellen. Sie kommen so noch nicht mal dazu, diese überhaupt kennenzulernen.
  2. Der übliche, reibungsvolle Penetrationssex desensibilisiert nicht nur die Vagina von Huren, sondern die der meisten Frauen. (super, wie sie Alice Schwarzer mit ihrer These, die Scheide sei im Unterschied zur Klitoris natürlicherweise nahezu empfindungslos, als komplett ignorant bloßstellt).
  3. Doch Angriffe auf Huren finden nicht nur durch Zuhälter und Freier statt. Mit brillanter Klarheit arbeitet Ilan Stephani heraus, dass die Art und Weise, wie die Gesellschaft über Huren spricht und nicht mit ihnen (teilweise sogar unter dem Vorwand, sie schützen zu wollen), einen ebensolchen Übergriff darstellt wie eine Vergewaltigung. Das sogenannte Prostitutionsschutzgesetz entmündige oder entwürdige die Frauen in der Sexarbeit in 37 seiner 38 Paragraphen.

Nicht nur frauen- sondern auch männerfeindlich

Dann folgt die vielleicht wichtigste These dieses Buches: Auch für Männer ist der Puff ein Gefängnis. Wie bitte? Manche Feministin wird sich vielleicht die Augen reiben, gilt ihr doch die Prostitution als krassestes Beispiel dafür, dass Männer Frauen auf deren Kosten und für ihre eigene Lust ausbeuten.

Die Autorin versteht sich selbst als Feministin, doch sie nimmt dieses antiquierte Männerbild aus dem 19. Jahrhundert gründlich auseinander: der Mann als sexuelle Bestie, vor dem man die Frau schützen müsse. Sie zeigt auf, welch tiefe Traurigkeit und Unerfülltheit dieses Zerrbild, das Männer sich oft auch noch selbst zuschreiben, im Mann hinterlässt. Nach was sich der Mann wirklich sehnt, sei, eine Frau sexuell zu erreichen. Oft weiß er das allerdings selbst nicht.

Ich bin sehr gespannt, wie diese These medial aufgenommen werden wird, denn sie ist eine Provokation für alle, die so gerne an den gewohnten Täter/Opfer-Zuschreibungen festhalten. Sie ist allerdings auch deswegen nicht ganz unproblematisch, weil die Männer als meist blind für ihre eigenen tiefer liegenden Bedürfnisse dargestellt werden. Ich teile zwar diese Auffassung, aber kann die Empathie einer Frau uns Männern weiterhelfen, uns selbst zu entdecken? Vielleicht.

Prostitution hält also der Gesellschaft einen Spiegel vor, wie unterentwickelt wir in Sachen Sex sind, so die Kernthese. Wie sieht nun der Weg der Befreiung aus? Anhand eigener Erfahrungen mit Slowsex und nicht-penetrativem Sex deutet die Autorin an, wohin die Reise gehen könnte, damit Sex nicht nur funktioniert, sondern erfüllend und ekstatisch wird.

Es ist zu spüren, wie sehr der Autorin unser sexuelles Potenzial am Herzen liegt. Fast beschwörend betont sie die Möglichkeit paradiesischer Zustände, in der es auch keine Prostitution mehr gäbe, weil wir alle den besseren Sex dem armseligen Sex im Puff vorziehen würden.

Doch kein Spiegel?

Tappt hier Ilan Stephani am Ende doch in die Falle des Weghabenwollens, die sie zuvor so klug umschifft hat? Ganz klar, im Paradies gäbe es keine Prostitution, aber wohl auch keine Psychotherapie und keine Sozialarbeit und überhaupt müsste niemand für den eigenen Lebensunterhalt arbeiten.

Warum ist es ihr nun doch so wichtig, dass es einen Ort ohne Prostitution gibt, und sei es nur in der Utopie? Eine unbewusste Verbeugung vor den Feministinnen, die Prostitution einfach abschaffen wollen, ohne näher hinzuschauen, was er uns zeigt? Mal abgesehen davon, wie unrealistisch die „Wir haben alle besseren Sex“ Vorstellung global gesehen wäre: Wenn wir im Spiegel etwas sehen, was uns nicht gefällt, freuen wir uns am Ende, wenn der Spiegel nicht mehr existiert? Oder wenn sich das Spiegelbild verändert? Hier verlässt die Autorin ihre eigene Prostitution-ist-ein-Spiegel-These und kommt zu dem Schluss, Prostitution sei zwar nicht unbedingt schlecht, aber auch nicht gut.

Warum wird sie nicht neugierig, was der Spiegel „Sex gegen Geld“ uns in einer sexuell reifen Gesellschaft noch spiegeln würde oder ob das Spiegelbild tatsächlich leer bliebe? Würden Huren vielleicht zu anerkannten SexualpädagogInnen? HeilerInnen auf dem Gebiet des Sex? Oder einfach SpielgefährtInnen ohne jedes festgefügte Skript, was im Bett passieren müsse? Gäbe es sogar anerkannte Ausbildungsgänge? Immerhin ist erfüllender Sex eben nichts, was wir nicht auch lernen müssten – und könnten.

Die Autorin berichtet von einer heilsamen Yonimassage, die ihr half, ihr eigenes Trauma zu heilen, und beklagt zu Recht, dass viele kompetente Anbieterinnen solcher Dienstleistungen sich durch das neue Gesetz als Prostituierte registrieren lassen müssen und wegen des Stigmas ihren Beruf aufgeben. Warum also sollte sich der Beruf der Hure nicht ebenso entwickeln wie die gesellschaftliche Matrix in Sachen Sex?

Dieser Punkt ist für mich nur ein kleiner Wermutstropfen; alles in allem ein höchst wertvolles, gut aufgebautes, persönlich berührendes, argumentativ überzeugendes und stilistisch sehr gut lesbares Buch. So ein Buch ist lange überfällig, um die Debatte um Prostitution auf ein höheres Niveau zu hieven.

Die Debatte voranbringen

Ob das gelingt? Da bin ich skeptisch. In Facebook-Threads wird die Autorin – neben viel Lob – bereits wieder als Verharmloserin beschimpft, wie wir das gegenüber anderen emanzipierten Huren kennen. Von Frauen, die das Buch gar nicht gelesen haben, und die, wenn sie es denn doch lesen würden, wohl überlesen würden, dass genau diese Art Umgang mit Prostituierten selbst ein Akt von Gewalt ist.

Vielleicht bin ich zu pessimistisch. Ich bin nämlich sehr neugierig, ob und wie die wichtigsten Impulse dieses Buches in der gesellschaftlichen Debatte aufgenommen werden:

  1. Huren sind ganz normale Frauen.
  2. Sex gegen Geld ist ein Spiegel für den üblichen Sex.
  3. Die Täter / Opfer-Polarisierung hilft nicht weiter und sollte überwunden werden.
  4. Für richtig guten Sex müssen wir unsere sexuelle Matrix erkennen und uns davon befreien bzw. diese weiterentwickeln.

Mit dem Buch Lustvoll Mann sein sind wir das Thema der sexuellen Matrix von einer ganz anderen Seite angegangen, bezogen auf Männer aber mit einem ähnlichen Ergebnis: Männer sind nicht so einfach gestrickt, wie Männer sowie Frauen oft noch glauben oder glauben wollen. Und auch Männer brauchen und verdienen Empathie. Lustvoll Mann sein hat durchaus seine Fans, aber ein Bestseller ist bislang nicht daraus geworden.

Wenn Lieb und Teuer nun durch das Skandalthema Prostitution richtig große Aufmerksamkeit bekommt und dazu beiträgt, die Täter-Opfer-Dynamik zu überwinden und eine echte sexuelle Revolution einzuleiten, soll es mir Recht sein. Es gehört ganz oben auf die Bestsellerlisten.

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Geschlechter, Lust und Liebe, Lustvoll Mann sein, Politik, Rezension abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Lieb und Teuer – eine Rezension

  1. Julius sagt:

    Lieber Saleem Matthias,

    danke für die spannende Buchrezension! Werde es mir heute Abend kaufen :).

    Lg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.