Welche Impulse kann Tantra unserer Kultur geben?

Connection-TNL-Feb-2016_Seite_01Wo, wenn nicht im Tantra, wird echte Gleichberechtigung praktiziert? Wo sonst in unserer Kultur wird die Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern anerkannt, ohne damit unterschiedliche Bewertungen zu verknüpfen? Wo geschieht soviel Heilung, was die Beziehung der Geschlechter angeht?

Während das Verhältnis von Religionen – aktuell insbesondere des Islam – zur Sexualität und zu Gewalt und zur unseligen Verknüpfung dieser beiden Phänomene im medialen Focus steht, wird kaum Notiz von der Kultur des Tantra genommen. Wenn doch, dann höchstens im Zusammenhang mit Wellness, Tantramassage oder exotischen Sexualpraktiken, als Gruppensex mit Räucherstäbchen.

Tantra könnte unserer Gesellschaft wichtige Impulse geben, doch viele Menschen, die Tantrakurse besuchen, halten dies aus Angst vor Reaktionen weitgehend geheim. Und in den Redaktionen von FAZ, ZEIT, Spiegel, SZ usw. dominiert so etwas wie Spiri-Phobie, was der Wahrnehmung von Tantra als wegweisender Kultur für die Beziehung der Geschlechter ebenfalls im Wege steht.
In der Abschlussrunde meines letzten Wochenendworkshops sagte ein Teilnehmer ungefähr dies: „Warum musste ich erst 50 werden, bis ich Tantra für mich entdeckt habe? Ich spüre richtige Wut, dass man in unserer Kultur diese Erfahrung mühsam suchen muss, wenn man nicht gerade zufällig darüber stolpert. Dabei hätte unsere Gesellschaft das, was wir hier lernen, dringend nötig.“

Ja, dem möchte ich zustimmen. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich mich in Zusammenarbeit mit Kollegen entschlossen, den E-Mail Newsletter der früheren Zeitschrift Connection Spirit weiter zu führen. Das Schwerpunktthema der ersten Ausgabe heißt „Shiva und Shakti als Vorbilder?“

P1010030Wir möchten Anstöße geben, uns unserer eigenen Männer- und Frauenbilder bewusster zu werden, unseren Sehnsüchten, Glaubenssätzen und Erwartungen in Bezug auf den leidenschaftlichen Tanz der Geschlechter auf die Spur zu kommen. Je reifer wir selbst in diesen Themen werden, desto eher werden wertvolle Erfahrungen vielleicht auch die Nische der Tantraszene verlassen und heilsame Impulse in die Welt ausstrahlen, die diese dringend braucht.
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Aber zunächst mal: viel Freude, Lust und Inspiration beim Lesen dieses Newsletters! Und wir freuen uns über Feedback, Anregungen sowie Themen- und Textvorschläge für die nächsten Ausgaben.

Herzliche Grüße
Saleem Matthias Riek

PS: Mein ausführlicher Text zum Thema Weiblichkeit und Männlichkeit – Archetypen oder Stereotypen? wurde bereits auf www.sein.de veröffentlicht.

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
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2 Antworten zu Welche Impulse kann Tantra unserer Kultur geben?

  1. Franz sagt:

    Ich bin vor etlichen Jahren bei meiner ersten Tantramassage gewesen. Da kam ich raus wie auf Wolke sieben. Ich hab mir inzwischen viele Tantramassagen geben lassen. Habe an etlichen Tantra-Seminaren teilgenommen, teils allein, teils mit meiner Frau. Wir haben Tantraseminare besucht, um aus unserer Ehekrise, die durch mangelnde Erotik zwischen uns entstanden ist, herauszukommen.
    Vor allem bei den psychologisch gut betreuten Tantra-Seminaren hab ich sehr viel über mich und meine Bedürfnisse gelernt, und auch mein Umgang mit Frauen wurde wesentlich lockerer. Das war eine durchweg positive Entwicklung. Allerdings habe ich gerade das Gefühl steckengeblieben zu sein und ähnliches beobachte ich auch bei Bekannten, die schon viele Erfahrungen gesammelt haben:
    Ich schaffe es bislang nicht meine erotischen Phantasien (die sind gar nicht sehr extrem) auszuleben. Weder mit meiner Frau noch mit anderen Frauen (meine Frau und ich geben uns da gegenseitig die Freiheit viel auszuprobieren). Mir ist selbst nur teilweise klar, warum ich da nicht richtig weiterkomme. Ich fühle mich oft sehr schnell in die Frau mir gegenüber ein, aber dann bin ich nicht richtig bei mir. Ich komme nicht autenthisch genug rüber. Ich denke, an so etwas kann man arbeiten, da hilft gutes Tantra weiter, aber es löst nicht alle Persönlichkeitsprobleme. Da braucht es mehr.
    Und warum ist Tantra immer noch in einer gesellschaftlichen Ecke? Ich denke, das Bild von Tantra in der Öffentlichkeit ist immer noch stark geprägt durch Rotlichtviertel-Angebote, bei denen es rein um Sex geht. Die guten, seriösen Angebote kommen eventuell zu farblos in der Öffentlichkeit rüber, oder zu unklar. Auch wenn man die verschiedenen Facebook-Gruppen zu diesem Thema durchforstet wird das Bild nicht klarer. Wichtig ist es aus meiner Sicht, qualitativ hochwertige Angebote „aufrecht“ zu erhalten und gleichzeitig eine Weiterentwicklung zuzulassen. Aber ich denke, es braucht auch bewertende Autoritäten, die sich zur Qualität äußern!

  2. Patrick sagt:

    Tantra, verstanden als spiritueller Pfad, der verwurzelt ist in hinduistischen und buddhistischen Strömungen und weiterwächst auf modernen Erkenntnissen aus Psychologie, Ökologie und weiteren Feldern, kann in der Tat einen wichtigen kulturellen Beitrag in unserer Gesellschaft leisten.

    Dabei wird wie bei manch anderen positiv-kritischen Impulsen ein Paradoxon sichtbar, das selbst wieder eine tantrische Herausforderung darstellt: Eine Gruppierung an den Seiten einer Gesellschaft vermag nicht in deren Mitte vorzudringen ohne sich selbst dabei zu verändern! Man führe sich nur vor Augen als das Christentum zur Staatsreligion wurde. Wie würde wohl eine tantrische Gesellschaft aussehen, in der Tantra zum Allgemeingut geworden ist? Aus Angst vor einem Wandel lieber eine kleine Gruppe Praktizierender zu bleiben, widerspräche natürlich dem tantrischen Gedanken. Ich finde, das Szenario, einst unter einer Mehrheit von Tantrikern zu leben, lohnt sich zu bedenken. Vielleicht offenbart sich da wieder das Ego, das gern größer wäre und aufs richtige Pferd setzen möchte. Vielleicht initiiert Tantra auch deshalb so gravierende Impulse bei einzelnen Menschen, weil der Kontrast zum normalen Leben noch so groß ist. Humor ist leider auch noch kein Schulfach, wie Eckart von Hirschhausen zu Recht anregt. Meditation, Yoga und dergleichen sind jedenfalls in aller Munde und schon häufiger in einigen Körper am Verankern. Trotzdem sehe ich da weder ein Schulfach, noch beispielsweise eine Arbeitsverordnung, die nebst 30min Pause auch 30min Geistruhe vorsieht, ohne Smartphone und sinnlichen Reizen. Und die verströmende Liebe, die sich bei Tantra-Seminaren oder Massagen freisetzt, fühlt sich öfters so wunderbar an, dass der Verstand schon wieder zweifelt, ob das denn wahr sein könne.

    Also belassen wir es zunächst mit dem großen Ziel – kommt da etwa Absicht ins Spiel? – einen Impuls geben zu wollen. Machen wir einfach weiter mit der tantrischen Arbeit!

    Für mich ist das Spezielle an Tantra, dass Körper UND Geist, Spiritualität UND Sexualität in einem Boot sitzen. Rudert auch nur eine Seite, dreht man schlicht im Kreis, sprich ums eigene Ego. Die Bedeutung der Gegenwart und die Wahrnehmung unsere Körperempfindungen (um sich im Jetzt zu verankern) sind wichtige Säulen, die wesentlich von Meditation getragen werden. Bildlich weiter gesprochen, ist für mich Tantra das Dach, ohne zugleich ein oben drauf, wichtiger, besser suggerieren zu wollen. Und wie ich es einmal für die Partnerschaft hörte, wo das Dach und damit der Raum darunter umso größer wird, je weiter die Partner für sich stehen können, so gilt das auch die Paare Körper-Geist, Sex-Herz usw.

    Eine weitere tantrische Herausforderung ist die eigene Vielfalt, in der jeder findet, was gerade geeignet für oder gegen Tantra spricht. Tantra ist genauso der bekleidet-meditierende Sitzkreis wie die Dame, die mit Tantra etikettierte Dienstleistungen teurer verkauft. Würden wir da einschreiten wollen, griffen die gleichen Mechanismen wie bei einer religiösen Lehre, die sich durchsetzt und nun die Rechtgläubigkeit anderer beurteilt. Irgendwie müssen wir damit leben und uns nicht gegen etwas abgrenzen, sondern unsere Meinung lebendig und authentisch verkörpern. Auf einem Katholikentag sah ich einmal den Verein für Priesterfrauen mit einem Stand direkt neben wortwörtlichen Bibelverstehern. Apropos Bibel, auch da findet jeder das für sich passende. Wenn ich mal Zeit zu viel haben sollte, schreibe ich ein Tantrabuch mit Bibelzitaten…

    Bevor wir uns nun allein fragen, welche Impulse es denn sein könnten, die unserer Gesellschaft gut tun würden, setzen wir einfach die tantrische Arbeit fort – mit einem Unterschied: Tantra muss aus der rein kommerziellen Schiene heraus! Wie sähe denn ein solcher Beitrag aus? Es ist völlig legitim, für ein Seminar Geld zu verlangen. Da geht es zum Beispiel um Persönlichkeitsentwicklung oder Massagetechniken. Das sind Leistungen, für die müsste ich woanders auch bezahlen. Die Crux bei der Sache liegt jedoch da, wo die spirituelle Dimension ins Spiel kommt. Ich kenne keine Religion oder allgemeiner eine politisch-kulturell-gesellschaftlich engagierte Strömung, die ERST Geld kassiert und DANN ihre Ansichten verrät. Gewiss, das geht manchmal Hand in Hand, Stück für Stück. Ein gratis Werbeangebot und danach geht’s im Premiumbereich weiter. Aber selbst wenn es so wär, wo ist das kostenlose Kennenlernangebot für Tantra-Interessierte? An der Stelle zeigt sich freilich erneut eine Herausforderung. Tantra kann nicht bloß rational in einem Vortrag inhaliert werden, Tantra lebt davon, dass es im Körper erfahrbar wird, dass wir Tantra verinnerlichen. Dies ist aber ein Prozess, der schon wieder eine Leistung ist, weil darin über die Organisation hinaus auch Menschen begleitet werden. Nochmal: was wären so niederschwellige Angebote ohne größeren Kosteneinsatz? Oder heißt es dann gleich, was nix kostet, kann auch nix sein? Wie wäre es einst mal mit einem VHS-Kurs Tantra? Oder gar mit einem Schulfach!?

    Und eine letzte Herausforderung sollte auch noch im Blick bleiben. Je mehr Tantra bekannt wird, weil sich mehr Menschen dafür interessieren und stand heute auch „konsumieren“, desto eher werden diejenigen bereit stehen, die daraus Profit ziehen möchten. Ich denke da nicht allein an minderqualitative Seminare oder Massageangebote, sondern an Produkte á la Shiatsu-Massagedecken. Nur weil da angeblich Punkte gedrückt werden ist es noch kein Shiatsu! So mögen die Tantriker sich erheben, aus der Deckung kommen, vielleicht sind es erstaunlicher Weise viel mehr als vermutet. Und nur so können „wir“ auch Steuern, wohin das Boot fährt. Allerdings bleibt weiterhin unklar, ob wir auf dem richtigen Dampfer unterwegs sind. Und ich will das auch gar nicht wissen. Hauptsache unterwegs – im körperlich-empfunden Augenblick!

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