Wie sich Lustgewinn und Lustverzicht bedingen

Lust ist eine höchst angenehme Weise des Erlebens. Wir begegnen ihr vor allem in der Sexualität. Darüber hinaus gibt es allerdings viele andere Formen der Lust und ganz unterschiedliche Ebenen, auf denen wir Lust wahrnehmen und kultivieren können: beim Essen, in Tanz und Bewegung, beim Kuscheln, in der Natur … bis hin zu emotionaler oder spiritueller Lust (die wir dann allerdings eher Freude nennen).

Dass wir wollen und begehren, was uns Lust bereitet, scheint unmittelbar einleuchtend und bedarf eigentlich keiner weiteren Erklärung. Lust fühlt sich einfach verdammt gut an. Warum tun wir dann nicht immer das, was uns Lust verschafft, und lassen alles andere bleiben? Ach, das Leben könnte so einfach sein …

Die meisten von uns haben von Kindesbeinen an moralisch gefärbte Warnungen davor genossen, einfach nur unserer Lust zu frönen. Vor allem unsere Sexualität wurde so durch schmerzhafte Schuld- und Schamgefühle beladen und wir haben gelernt, unserer Lust zu misstrauen. Von derartigen Lusthindernissen möchten wir uns wahrscheinlich gerne befreien und nicht zuletzt aus diesem Grund kommen viele Menschen zum Tantra. Bei mir war das zumindest so. Die Vorstellung, dass sexuelle Lust etwas Göttliches ist anstatt primitiv oder gar verwerflich zu sein, zog mich magisch an.

Es gibt allerdings auch gute Gründe, auf Lustgewinn zu verzichten (vor allem auf den schnellen):

  • Unsere Wahrnehmung braucht Polarität und Kontrast. Das kann ein guter Grund sein, mal zu fasten. Und auch vom leckersten Kuchen wird uns irgendwann schlecht. Je mehr wir an einer Lust festhalten, desto eher ebbt sie ab bzw. braucht immer stärkere Stimuli.
  • Der nur mit Mühen zu erreichende Lustgewinn befriedigt oft tiefer als der leichte, schnelle Genuss (Fertiggerichte befriedigen uns selten nachhaltig und Sport kann echt geil werden, wenn wir uns richtig verausgaben).
  • Für manche Freuden der Lust braucht es einen Lernprozess, der nicht immer nur Spaß macht. So können wir z.B. weitere erogene Zonen des Körpers entdecken und sensibilisieren, nicht zuletzt auch im Kontakt mit uns selbst. Die erhebende Wirkung spüren wir oft erst später, denn der Körper braucht Zeit, die entsprechenden Nerven zu verknüpfen.
  • Lustverzicht kann spätere Lust erheblich steigern. Kennst du die Ekstase durch das bewusste Verzögern des Orgasmus (auch bekannt als „Edging“, als Verweilen kurz davor)?
  • Wenn wir unsere sexuellen Vorlieben offen zeigen, machen wir uns verletzlich. Um unsere Lust mit einem Partner voll ausleben zu können, müssen wir Vertrauen aufbauen und zugleich Enttäuschungen riskieren.
  • Die Erwartung der Lust kann uns Vorfreude bescheren, aber auch zum großen Lust-Hindernis werden. Für viele ist es ein Lustkiller, wenn ihr Partner von ihnen fordert oder erwartet, lustvoller zu sein als sie sich gerade fühlen. Diesen Druck können wir uns allerdings auch selbst machen …
  • Die Fixierung auf eine Ebene der Lust kann anderen Ebenen im Wege stehen, wenn wir z.B. vor allem auf Sex aus sind und dabei emotional und spirituell leer ausgehen. Das kann allerdings auch umgekehrt so sein.

Lust ist ein viel komplexeres Phänomen, als es zunächst den Anschein hat. Es kann sich lohnen, uns von moralischem und lustfeindlichem Ballast zu befreien. Wir können immer intelligenter mit unserer Lust umgehen, wir können uns erlauben, mit ihr zu spielen, und ihre Widersprüche und Hindernisse neugierig erforschen. So können wir entdecken, dass und wie Hindernisse zu unserer Lust beitragen und sie vertiefen. Wir lernen, zuweilen auf die schnelle Lust zu verzichten und Risiken einzugehen, die tiefere Erfahrungen ermöglichen.

Eines der größten Risiken, die mit Lust einhergehen, ist Verletzlichkeit. Ohne die Fähigkeit und Bereitschaft, Schmerz zu empfinden, erleben wir auch wenig Lust. Die Balance zwischen den beiden können wir allerdings deutlich zugunsten der Lust verlagern, wenn wir bereit sind, in und von der Lust zu lernen und die Botschaften unseres Schmerzes zu verstehen.

Wir sind verschieden, gerade auch in unseren sexuellen Vorlieben und Abneigungen. Was sich in Partnerschaften oft als unangenehmer oder verletzender Konflikt abspielt, kann zu einem lustvollen Tanz werden, wenn wir unsere Unterschiedlichkeit würdigen, anstatt uns gegenseitig abzuwerten. Die besondere Intimität, die darin liegt, dass wir anders sind, können wir schätzen lernen und lustvoll besetzen. Dazu brauchen wir manchmal etwas Abstand zu unseren Gewohnheiten und Mustern und wir brauchen den zeitweiligen Lustverzicht um zu entdecken, was uns noch tiefer und noch lustvoller beglückt.

Mit dieser und noch weiteren Fähigkeiten entwickeln wir erotische Intelligenz. Wir verwandeln unsere Lust und zugleich lassen wir uns von ihr verwandeln.

Gerne erfahre ich von deinen Erfahrungen rund um die Lust, z.B. als Kommentar gleich hier unten.

Herzliche Grüße

Saleem

PS: Im Juni gibt es einen Workshop zum Thema: Lustwandel

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
Dieser Beitrag wurde unter Geschlechter, Lust und Liebe, Widersprüche abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Wie sich Lustgewinn und Lustverzicht bedingen

  1. Timo Ollech sagt:

    Der Philosoph Thomas Metzinger streift dieses Thema in seinem Buch „Der Ego-Tunnel“. Den relevanten Ausschnitt stellt freundlicherweise Spiegel Online zur Verfügung: Warum wir am Glück verzweifeln.
    „Natürlich trifft es zu, dass bewusste Selbstmodelle auch zum ersten Mal das bewusste Erleben von Freude und Glück in die physikalische Welt brachten – eine Welt, in der vorher kein Phänomen dieser Art existiert hat. Aber es wird auch immer offenkundiger, dass die psychologische Evolution uns nicht für dauerhaftes Glück optimiert hat – ganz im Gegenteil, sie hat uns auf die hedonische Tretmühle gesetzt. Wir werden dadurch angetrieben, dass wir emotionale Sicherheit sowie Vergnügen und Freude suchen und Schmerzen und Depressionen vermeiden. Die hedonische Tretmühle ist der Motor, den die Natur erfunden hat, um den Organismus am Laufen zu halten.“

    Der empfohlene Lustverzicht wäre in diesem Sinne ein bewusstes (zeitweises) Aussteigen aus der „hedonistischen Tretmühle“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.