Sex oder Herz? Sex und Herz!

Sie will Liebe, er will Sex? So plump behauptet das kaum noch jemand, aber in der etwas anspruchsvolleren Version ist die These durchaus en vogue: „Sie braucht den Herzkontakt, um sich im Sex zu öffnen, er braucht den sexuellen Kontakt, um sich im Herzen zu öffnen.“ Manche Tantriker beschreiben das Ganze als energetisches Phänomen: „Der Mann hat im Sex seinen Plus- und im Herzen seinen Minuspol, bei der Frau ist es gerade umgekehrt.“

Wenn wir uns anschauen, wie Frauen und Männer sich verhalten, erscheinen obige Behauptungen zunächst plausibel. Immerhin sind es in der großen Mehrzahl Männer, die sich Pornos reinziehen, und Frauen, die sich gerne Romanzen anschauen oder zum Liebesroman greifen. Doch warum ist das so? Und vor allem: Was kommt darin zum Ausdruck und wie gehen wir damit um?

Die Auseinandersetzung darüber, inwieweit Geschlechtsunterschiede naturgegeben, anerzogen oder gar Ausdruck zeitloser spiritueller Gesetze sind, wird nach wie vor kontrovers geführt, nicht selten mit erstaunlich ideologischer Härte. Ich finde die Debatte ziemlich fruchtlos. Viel interessanter finde ich die Frage, wie zwei Menschen, die – ganz unabhängig von ihrem Geschlecht – unterschiedlich „gepolt“ zu sein scheinen, glücklich zusammenkommen können. Pauschale Zuschreibungen, wie Männer oder Frauen sind oder gar zu sein haben, sehe ich in diesem Zusammenhang eher als Hindernis denn als große Hilfe für den unmittelbaren Kontakt.

Wie wäre es, wenn wir unseren Bedürfnissen, Wünschen und Sehnsüchten ein offenes Ohr schenken und ihnen tiefer auf den Grund gehen? Oft habe ich miterleben dürfen, wie sich Fixierungen auf bestimmte Vorstellungen lösen, wenn sich eine Frau oder ein Mann mit den eigenen Wünschen gehört und angenommen fühlt. Das geschieht erstaunlicher Weise weitgehend unabhängig von der Erfüllung der Wünsche. Umgekehrt kann die unvoreingenommene Einfühlung in die Wünsche und Sehnsüchte eines anderen Menschen uns dafür öffnen, verschüttete, verbotene oder gar neue Wünsche in uns selbst zu entdecken. Das muss nicht heißen, dass wir sie alle ausleben, es gibt manchmal gute Gründe , das nicht zu tun. Es kann z.B. sein, dass ein Partner von wilden Orgien fantasiert und diese Fantasie gerne mitteilen möchte. Die Frage, ob das tatsächlich stattfinden soll, ist ein ganze andere. Oder jemand träumt von einer romantischen Kreuzfahrt, die in der Realität vielleicht doch langweiliger wäre als gedacht.

Auf der Basis von Empathie können wir unseren Partner in seinem So-Sein besser annehmen und werden auch selbst wahrscheinlich besser verstanden. Darauf aufbauend können wir kreative Lösungen finden in Situationen, in denen vorher die Zeichen auf Sturm oder Rückzug standen, nicht zuletzt auch bei der Frage, wieviel Treue und wieviel Freiheit wir uns erlauben.

Die schlichte Wahrheit lautet aus meiner Sicht: Frauen wie Männer sind sexuelle Wesen und Frauen wie Männer haben ein Herz. Beides natürlich auch, wenn wir uns nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen können oder wollen. Wir mögen biologische Unterschiede mitbringen und anders konditioniert sein; dennoch gibt es Chancen, sich sowohl sexuell als auch liebevoll miteinander zu verbinden. Diese Möglichkeiten sind nicht immer leicht zu finden, alte Verletzungen und daraus entstandene Abwehrstrategien machen das Liebesleben oft zur allergrößten Herausforderung. Ohne Krisen wird dieser Weg nicht immer zu bewältigen sein, aber es lohnt sich, die Hoffnung nicht zu früh aufzugeben. Ich habe selbst lange mit diesem Thema gekämpft, und weiß, wovon ich spreche. Ja, es ist nicht leicht und manchmal wollte ich aufgeben. Und ja, es ist möglich, immer wieder in Sex und Herz wahrhaftig miteinander verbunden zu sein.

Die Thematik beschäftigt das Menschengeschlecht wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden. Sie war auch einer der Ausgangspunkte für meinen Roman, der soeben erschienen ist. Er will eher Sex, sie will vor allem Liebe. So hat es zunächst den Anschein. Aber was kommt nicht alles zum Vorschein, wenn zwei Menschen sich von den Klischees nicht ins Bockshorn jagen lassen und bereit sind, näher hinzuschauen und das Geschenk ihrer Anziehung für die Bewältigung ihrer Differenzen zu nutzen! Einige von euch haben das Buch bereits bestellt, vielen Dank. Wie ich inzwischen erfahre, hält es einige Triggerpunkte bereit. Wenn uns etwas triggert ist oft der erste Impuls, den Trigger zu meiden. doch es kann sich durchaus lohnen, näher hinzuschauen. Beim Lesen könnte dafür der Austausch mit anderen hilfreich sein, die dasselbe gerade lesen, z.B. in Form einer Leserunde.

In einem Paarworkshop, der kürzlich stattfand, stand das Thema Liebe und Eros ebenfalls im Fokus:

  • Wie können wir die unterschiedliche Energie von Sex und Herz anerkennen und würdigen?
  • Wie können wir die Energien bewusster steuern, sodass sie sich auf beglückende Weise ergänzen anstatt sich in die Quere zu kommen?
  • Wie können wir unsere vorgefertigten Glaubenssätze und Skripte rund um Lust und Liebe loslassen?

Es gibt eine tiefe Sehnsucht, die wir wahrscheinlich alle in uns tragen: mit Körper, Seele und Geist zu lieben und geliebt zu werden. Diese Sehnsucht kann uns durch all diese Prozesse führen und begleiten und uns mit uns selbst und miteinander tiefer verbinden.

Sei herzlich gegrüßt und komme gut durch diese dunkle Jahreszeit!

Saleem

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
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