Krieg und Frieden

Können wir angesichts kriegerischer Konflikte neutral sein?

Fassungslos

Der Krieg in der Ukraine macht mich fassungslos. Ein Teil in mir möchte nicht wahrhaben, was Menschen in der Lage sind anderen Menschen anzutun. Aber es geschieht. Dazu kommt, dass es am Ende keine Gewinner geben kann, sondern nur extrem schmerzliche Verluste auf allen Seiten. Das alles geht weit über mein Vorstellungsvermögen hinaus und ich kann die Nachrichten aus dem Kriegsgebiet nur dosiert verkraften. Zugleich möchte ich mich aber nicht davon abschotten, als ginge es mich nichts an. Dieser Text spiegelt nicht zuletzt auch meine Versuche, das verstörende Geschehen doch irgendwie zu verarbeiten. Es handelt sich um ein traumatisches Geschehen, das zugleich viele alte Traumata aktiviert, sowohl individuell als auch kollektiv.

Wenn ich es nicht verdränge, wie kann ich zu dem Unfassbaren eine Haltung finden, meine Antwort darauf? Einer der ersten Schritte ist es, mich empathisch den in mir ausgelösten Gefühlen zuzuwenden, ihnen Raum zu geben. Manchmal muss ich ihnen eine Grenze setzen, um nicht vollständig überflutet zu werden. Am schwersten auszuhalten sind für mich in diesem Zusammenhang die Gefühle der Hilflosigkeit, der Ohnmacht. Ich würde sehr gerne dazu beitragen, dass dieser Wahnsinn aufhört, sofort. Aber kann ich das? Wenn überhaupt, dann sicher nur in einem verschwindend geringen Ausmaß. Womit ich beim Gefühl der Sinnlosigkeit bin, welches mich in diesen Tagen immer mal wieder überfällt und das ich ebenfalls nicht gut aushalten kann.

Nicht werten?

Kann ich vielleicht dafür sorgen, zumindest selbst nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen? Mich konsequent jeder Form von Gewalt enthalten und keine Form der Anwendung oder auch nur Androhung von Gewalt unterstützen, weder mit Worten noch mit Taten? Das klingt nach einer moralisch einwandfreien Haltung. Doch ist sie das wirklich? Inwieweit können wir uns bei einem Konflikt heraushalten, nicht werten, unparteiisch sein?

Nicht zu werten steht im Kontext von Spiritualität und Tantra hoch im Kurs. Gerne wird der Mystiker Rumi mit den Worten zitiert „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Raum, dort treffen wir uns“. Wer diesen Raum kennt, wird ihn nicht mehr missen wollen. 

Auch als Paartherapeut bin ich es gewohnt, nicht Partei zu ergreifen und keine der beiden Perspektiven höher zu bewerten als die andere. Das ist nicht immer einfach, aber eine der wesentlichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Prozess der Verständigung.

Doch diese Haltung kommt zuweilen an Grenzen. Wenn z.B. einer der beiden Gewalt androht oder sogar anwendet, würde ich diese Grenze klar benennen und wenn sie nicht akzeptiert wird, den therapeutischen Auftrag beenden.

Einen Raum jenseits von Bewertungen und Urteilen gemeinsam zu betreten, kann beglückend sein. Doch in diesen Raum finden wir gar nicht erst hinein, wenn wir Bewertungen von vorneherein ablehnen, nicht zuletzt deswegen, weil diese Ablehnung selbst eine Bewertung darstellt. Unser Verstand stößt hier auf das Phänomen der Paradoxie, auf die er meist nicht vorbereitet und für die er nicht geschult ist. Eine berühmte Geschichte möge das illustrieren.

Die Geschichte vom Rabbi

Zum Rabbi kommen zwei Männer, deren Familien seit Generationen im Clinch miteinander liegen, weil sie sich nicht über ihre Grundstücksgrenze einigen können. Eines Tages sind sie es leid zu kämpfen und verständigen sich darauf, den Rabbi ein für alle Male Recht sprechen zu lassen.

Der Rabbi bittet den ersten Kontrahenten zu sich und hört sich aufmerksam seine Geschichte an. Zum Schluss sagt er: „Ich verstehe Dich! Ich glaube, du hast Recht!“ Der Gast bedankt sich überschwänglich und verlässt vor Freude hüpfend das Empfangszimmer.

Als sein Gegenspieler ihn so herauskommen sieht, will er schon aufgeben, aber er hält sich an die Abmachung, geht hinein und schildert seine Sicht der Dinge. Der Rabbi hört wieder aufmerksam zu und sagt zum Schluss nachdenklich: „Ich glaube, ich verstehe dich! Du hast Recht!“ Der Besucher kann sein Glück kaum fassen. Er versteht zwar nicht, worüber sich sein Kontrahent zuvor gefreut hat, aber nun denn, das ist nicht sein Problem. Voll tiefer Genugtuung verlässt er das Haus des Rabbi.

Als sie allein sind, schaut die Sekretärin, die alles sorgfältig protokolliert hat, den Rabbi irritiert an. „Ich verstehe dich nicht: Da kommen zwei Menschen und wollen ihren seit Urzeiten schwelenden Konflikt beenden. Sie wollen, dass du eine Entscheidung triffst, die ein für alle Male Frieden einkehren lässt. Und du gibst beiden Recht? Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Der Rabbi runzelt die Stirn. „Ich glaube, du hast Recht!“, antwortet er freundlich.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Bei dieser Geschichte handelt es sich um ein Koan, eine Weisheitsgeschichte, und nicht um die Anleitung für ein erfolgreiches Gerichtsverfahren. Doch worin liegt ihre Weisheit? Oft wird die Geschichte fehlinterpretiert in dem Sinne, dass jeder von uns „seine eigene Wahrheit“ habe und wir dies lediglich akzeptieren müssten, um in Frieden miteinander leben zu können. Wer diesen Schluss zieht, blendet den dritten Teil der Geschichte aus: Es können nicht immer beide Recht haben. Eine Grenze kann nicht gleichzeitig hier und dort verlaufen. Ein Konsens braucht die Zustimmung beider Seiten, sonst ist es keiner. Und manchmal braucht es eine Entscheidung. Im sprichwörtlichen salomonischen Urteil z.B. wird zunächst beiden vorgeblichen Müttern gleiches Recht zugesprochen, das aber nur, um eine gerechte Entscheidung herbeizuführen. Es bekommt diejenige das Kind, die, um das Kind zu retten, nachzugeben bereit ist. Eine übergeordnete Instanz wie Salomon, die von allen respektiert würde, gibt es leider im Kriegsfalle meistens nicht.

Die eigentliche Weisheit der Geschichte sehe ich in der Erkenntnis, dass es unauflösbare Dilemmata gibt. Was immer wir tun, wie immer wir entscheiden, es gibt Vorteile, aber womöglich auch gravierende, vielleicht sogar existenzielle Nachteile. Es gibt keine Neutralität, die uns aus diesem Dilemma erlösen könnte, denn auch Neutralität kann schädliche Konsequenzen nach sich ziehen. Die beliebte Redewendung „Zu einem Konflikt gehören immer zwei, jeder hat daran seinen Anteil“ ist einerseits wahr, kann andererseits aber auch zynisch werden, wenn wir ihn z.B. einer Frau (oder auch einem Mann, auch das gibt es) entgegenbringen, die vergewaltigt worden ist. Vielleicht war die Frau erotisch gekleidet, als sie ihrem Peiniger begegnete oder hat sogar Öl ins Feuer ihrer Konflikte gegossen, bevor ihr Partner ihr Gewalt angetan hat. Trotzdem würden wir – hoffentlich – klar Stellung beziehen, dass auch letzteres keinerlei Rechtfertigung für eine Vergewaltigung darstellt. Auch wenn beide beteiligt sind, gibt es doch Grenzüberschreitungen, die eindeutig der einen oder der anderen Seite zugeordnet werden können und müssen. Manchmal sind wir herausgefordert, klar Stellung zu beziehen, sonst machen wir uns zum Handlanger der Gewalt, dem „Recht des Stärkeren“.

Position beziehen, ohne sie absolut zu setzen

Klar Position zu beziehen, bedeutet jedoch nicht, diese absolut zu setzen. Was den Krieg in der Ukraine angeht, gibt es viele Meinungen darüber, wer in welcher Weise zur Eskalation beigetragen hat. Ich habe mich ausführlich von verschiedenen Seiten her informiert und doch bleibt einiges im Dunklen. Eines ist für mich jedoch klar: Was auch immer vorher geschehen ist, es gibt überhaupt keine Legitimation für Putins Angriffskrieg. Was auch immer zuvor von Seiten der Nato, der USA, der EU, Deutschlands oder der Ukraine falsch gemacht wurde: Dieser Krieg überschreitet eine rote Linie und es ist für mich kaum erträglich, wenn ich irgendwo lese, die Nato habe Putin zu diesem Schritt quasi genötigt. Das ist für mich genauso abstrus wie zu behaupten, die vergewaltigte Frau habe es sich selbst zuzuschreiben, weil sie den Mann provoziert, betrogen oder sonst etwas habe. Hier ist eine klare Position gefragt und Neutralität spielt letztlich dem Aggressor in die Hände. Ich bin froh, dass diese Position weltweit sehr weitgehend geteilt wird.

Doch ist mit dieser klaren Haltung der Krieg beendet, der Konflikt gelöst? Ganz offensichtlich nicht. Wenn wir Frieden wollen, sind wir manchmal gezwungen, direkt mit dem „Bösen“ in Kontakt zu treten und zu verhandeln, bis zu einem gewissen Punkt sogar seine Perspektive zu verstehen, immer mit der Gefahr, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Auf der anderen Seite, beim sturen Beharren auf unserer womöglich noch so berechtigten Position, droht die Eskalation, mit der erschreckender Weise nicht nur theoretischen Möglichkeit, das menschliche Leben auf dem Planeten auszulöschen. Eine Wahl zwischen Pest oder Cholera.

Die Lebenslüge möglicher Neutralität

Dann lieber keine Wahl treffen, um uns nicht selbst die Hände schmutzig zu machen? Kaum ein Land trägt die Lebenslüge möglicher Neutralität schwerer auf seinen Schultern als die Schweiz, die z.B. am Holocaust der Nazis teilweise kräftig verdient hat. Immer mehr Menschen in der Schweiz begreifen, dass man sich auch mit Neutralität die Hände schmutzig machen kann, sei es mit einem vermeintlich blitzsauberen Bankgeheimnis oder mit der Ablehnung von Sanktionen.

Die schwer zu ertragende Erkenntnis in diesen Tagen lautet: Was auch immer wir tun oder nicht tun, wir machen uns mitschuldig an einem Elend, das sehr oft andere viel schmerzhafter ertragen müssen als wir selbst. Diese Zwickmühle wird derzeit unübersehbar, wenn es um Fragen geht wie: Gasimporte sofort stoppen oder nicht? Waffen liefern oder nicht? Verteidigen oder Kapitulieren? Wir kommen aus diesen Fragen nicht heil heraus, auch nicht als Pazifisten. Ich habe seinerzeit überzeugt den Dienst an der Waffe verweigert und bin entschieden für Abrüstung. Ob die aber den Frieden sichert, wenn nicht alle Parteien dabei mitziehen, darf bezweifelt werden. Pazifismus, der vor allem der Selbstgerechtigkeit dient, führt uns nicht weiter.

Dass wir der Zwickmühle nicht entkommen, bedeutet mitnichten, dass es egal sei, wofür wir eintreten oder uns entscheiden. Wir können uns durchaus darum bemühen, die gemäß unseren Werten bestmögliche Wahl zu treffen, und das sogar dann, wenn wir uns nicht sicher sind, was das Beste wäre. Sich herauszuhalten oder keine Entscheidung zu treffen ist nämlich auch eine Entscheidung, wenn auch womöglich keine bewusste.

Abwehrmanöver

Es ist verständlich, dass in dieser Lage psychische Abwehrmanöver auf den Plan gerufen werden, um uns dem Dilemma in seiner Unausweichlichkeit nicht stellen zu müssen: Verdrängung, Verschiebung, Projektion, Regression, Rationalisierung, Reaktionsbildung und allen voran: Verleugnung. Was nicht wahr sein darf, kann nicht wahr sein! Ja, was auf der Welt geschieht, ist für uns manchmal schlicht nicht auszuhalten. Ich kann mich nur wiederholen, es macht mich fassungslos, was in der Ukraine – und ja, nicht nur dort! – geschieht, und ich kann es nicht ändern. Es löst gleichzeitig Angst, Wut, Trauer und vieles mehr in mir aus und ich kann meinen inneren Manövern zuschauen, mit dieser Überflutung irgendwie fertig zu werden. Mein Verstand läuft von Zeit zu Zeit auf Hochtouren, nur um immer wieder zu erkennen: er findet keine Lösung. Und was die realistische Gefahr angeht: Ich weiß nicht, was wir mehr fürchten müssen: dass Putin mit seinem verbrecherischen Angriffskrieg „Erfolg“ hat oder dass er verliert. Er ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit kein guter Verlierer.

Teilweise begegne ich dem Glaubenssatz „Wenn wir selbst (oder die EU, die NATO) uns fair und gewaltfrei verhalten, wird uns nichts passieren.“ Ich teile diesen Glauben nicht, schon gar nicht nach dem Einmarsch in die Ukraine. Der Glaube mag helfen, uns nicht ganz so ausgeliefert zu fühlen. Doch – um auf das obige Beispiel zurückzukommen, würden wir ihn auch einer Frau empfehlen, die Angst vor Übergriffen hat? Oder doch vielleicht lieber einen Kurs in Selbstverteidigung und Pfefferspray? Aber wie verhalten wir uns gegenüber einer drohenden Atommacht? Wäre es eine gute Idee, sich an Gandhi zu orientieren? Ich weiß es nicht.

Warum könnte es – bei aller Überforderung – dennoch eine gute Idee sein, uns dem Dilemma zu stellen, zumindest zeitweilig, wenn wir gerade genug Ressourcen dafür haben? Neben aller Niedergeschlagenheit und Verzweiflung meldet sich in mir eine Demut, mir selbst und auch dem Leben gegenüber. Sie ist schmerzlich und wohltuend zugleich. Ja, einerseits bin ich der Nabel meiner Welt und für mich und mein Leben kommt es zunächst auf mich selbst an. Frieden in mir selbst zu finden ist immerhin ein Anfang. Zugleich ist das Leben viel größer als ich, ich bin nur ein unendlich kleines Staubkorn im Universum. Das hat – auch wenn es dem „Ego“ nicht gefällt – etwas Beruhigendes und es hilft mir, meine Subjektivität anzunehmen und transparent machen, anstatt Objektivität für meine Perspektive zu beanspruchen. Wenn die Psychopathen und Tyrannen dieser Welt etwas gemeinsam haben, ist es vielleicht dies: Sie fühlen sich als Opfer und merken nicht, dass und wie sie längst zum Täter geworden sind. Sie fühlen sich zu 100 Prozent im Recht und es gibt nichts, was über ihnen und ihrer Macht stünde und ihre Perspektive relativieren könnte.

Weder fanatisch noch gleichgültig

Das Antidot zu diesem Wahn ist nicht etwa die Selbstvergewisserung, moralisch einwandfrei dazustehen, sondern das Eingeständnis: Wir alle machen uns manchmal die Hände schmutzig. Auch wenn wir klar Position beziehen und für Werte wie Frieden, Demokratie oder Gewaltfreiheit eintreten, wir sind nicht einfach „die Guten“, so verführerisch diese Einbildung auch sein mag. Die Erkenntnis unserer eigenen Begrenzungen bewahrt uns vor Fanatismus.

Doch Fanatismus ist nur der eine Abgrund, in den wir geraten können. Die Gefahr auf der anderen Seite klingt harmloser und friedlicher: Gleichgültigkeit. Wenn wir das Recht auf eine eigene Meinung mit dem Recht auf eine eigene Wahrheit verwechseln, dass also jede „Wahrheit“ ihre eigene Gültigkeit besitze, haben wir als Gemeinschaft ein Problem. Manchmal müssen wir uns nämlich auf etwas einigen, um mit einer Herausforderung sinnvoll umgehen zu können. Doch wer seine Meinung für die Wahrheit hält, fügt sich eher nicht der „Wahrheit“ anderer, sondern setzt seine Sicht der Dinge absolut. Bei aller Meinungsverschiedenheit brauchen wir manchmal klare Entscheidungen, die möglichst alle mittragen, wie es beispielsweise beim Atomausstieg in Deutschland nach langem Hin und Her gelungen ist, zumindest Stand heute.

In einer repräsentativen Demokratie ist dieser Prozess formalisiert und drückt sich u.a. durch Wahlen aus, aus denen eine Regierung hervorgeht, die nicht alle gewählt haben, die aber auch denen gegenüber verantwortlich ist, die sie nicht gewählt haben. Dennoch wird sie Entscheidungen treffen müssen, die nicht allen gefallen.

Individuelle Freiheit versus Gemeinwohl

Nehmen wir das leidige Thema einer Impfpflicht. In den sozialen Medien kursierte ein Foto, auf dem zwei Personen einträchtig Hand in Hand zu sehen sind, jede mit dem Plakat auf dem Rücken, auf einem stand „geimpft“, auf dem anderen „ungeimpft“. Darunter der Kommentar: „Zusammen stehen wir für freie Entscheidung!“ Was zunächst sympathisch liberal rüberkommt, hat doch seine Tücken, z.B. dann, wenn eine Pandemie auf der Grundlage individueller Wahlfreiheit nicht ausreichend einzudämmen ist und am Ende alle unter den Folgen individueller Freiheit leiden. Aus gutem Grund akzeptieren wir, dass wir bei Rot nicht über die Ampel fahren. Auch das ist eine Übereinkunft, die die individuelle Freiheit zugunsten des Allgemeinwohls einschränkt. Ob und inwieweit gegenwärtig eine Impfpflicht – ein zugegeben gravierender Eingriff in das Recht der körperlichen Unversehrtheit – verhältnismäßig ist (also geeignet, erforderlich und angemessen) ist durchaus diskussionswürdig, ich bin da eher skeptisch. Bei den Pocken aber war das sehr hilfreich.

Ich möchte das Thema hier nicht weiter vertiefen. Was mich jedoch verstört, ist die immer wieder zu hörende Behauptung, eine Impfpflicht sei prinzipiell nicht demokratisch legitimierbar. Was als harmlose, sympathische Befürwortung von Freiwilligkeit daherkommt, entpuppt sich unter Umständen als Vorherrschaft einer Minderheit, und zwar dann, wenn deren Perspektive absolut gesetzt wird.

Absolut gesetzte Neutralität oder „Gleichgültigkeit“ im wörtlichen Sinne, so als sei die gleiche Gültigkeit aller möglichen Positionen der Weg zum Frieden, birgt eine große Gefahr. Sie baut auf einem Missverständnis auf, dem gerade in der spirituellen Szene viele Menschen aufsitzen: Der Raum „Jenseits von richtig und falsch“ entstehe durch einen Verzicht auf die Kategorien richtig und falsch. Dieser Verzicht bedeutet aber nichts anderes, als dass wir unseren moralischen Kompass aufgeben. Wir kommen manchmal nicht umhin, Position zu beziehen. Tun wir das nicht, tun wir es eben doch, nur dass wir uns dabei selbst noch einreden können, wir täten es nicht. Das ist weder heilig noch spirituell fortgeschritten, sondern manchmal nichts weiter als egoistisch oder feige. Und ja, manchmal beobachte ich das auch bei mir selbst.

Die Wurzeln von Krieg und Gewalt

Ich komme zurück zum Unfassbaren, mit dem wir – ob wir wollen oder nicht – in irgendeiner Form konfrontiert sind: der Gewalt, die Menschen einander antun. Manche glauben, es müsse nur einer den Mut und die Gelegenheit haben, Putin zu beseitigen, dann könne unmittelbar Frieden einkehren. Ich glaube das nicht. Ohne die persönlichen Verbrechen von Putin zu relativieren (ich hoffe, das ist glasklar geworden): Die Wurzeln von Krieg und Gewalt reichen viel tiefer. Sie finden sich sowohl in jedem von uns, vor allem in unserer zeitweiligen Unfähigkeit, Verletzungen, Schmerz und Verlust heilsam zu verarbeiten. Sie finden sich auch kollektiv, in einer Welt, in der ein zerstörerischer sich liberal gebender Kapitalismus (unsere vermeintlich friedliche Normalität) uns mehr und mehr unserer Lebengrundlagen beraubt. Zugleich sind wir mit einem bis an die Zähne bewaffneten postkommunistischen, geopolitischen Faschismus konfrontiert, der die Welt mit atomarer Bedrohung in Geiselhaft zu nehmen versucht. Und nein, Faschismus ist leider keine Übertreibung. Wer es nicht glaubt, informiere sich über Putins ideologischen Wegbereiter Alexander Dugin.

Wir befinden uns nicht erst seit dem 24. Februar im Krieg. Wir führen einen permanenten unterschwelligen Krieg gegen unsere Lebensgrundlagen und erleben das paradoxer Weise als Komfort. Auch hier führen uns vermeintliche Neutralität und Gleichgültigkeit unausweichlich näher an den Abgrund. Diese Erkenntnis ist unangenehm, sie ist schmerzhaft, manchmal kaum auszuhalten, weil wir uns diesem „Krieg“ individuell gar nicht vollständig entziehen können, auch nicht als vegane Fahrradfahrer.

In welchem Ausmaß diese Erkenntnis immer wieder verdrängt wird, lässt mich manchmal am menschlichen Verstand und zugleich auch an meiner Arbeit zweifeln. Trage ich indirekt mit den Wohlgefühlen, mit der Lust und Liebe, die ich in meinen Workshops unterstütze und entwickeln helfe, dazu bei, dass wir denken, wir könnten einfach so weiter machen? Nun, es geht ja nicht nur um gute Gefühle, es geht in meinen Seminaren auch um Beziehungsfähigkeit. Hat zumindest die Entwicklung von Beziehungs- und Konfliktfähigkeit im persönlichen Umfeld einen positiven Einfluss darauf, auch kollektiv beziehungs- und konfliktfähiger zu werden und damit langfristig Kriegen den Nährboden zu entziehen? Ich möchte das gerne glauben und es gibt gute Argumente dafür, die mir auch immer wieder gespiegelt werden. Meine Arbeit sei nicht zuletzt Friedensarbeit. Wo auch sollten wir anfangen, wenn nicht bei uns selbst? Wenn ich dann aber wieder sehe, dass wir selbst im persönlichen Umfeld in unserer Dialogfähigkeit scheitern, wie es uns Corona überdeutlich vor Augen geführt hat, dann … ja was dann?

Wege aus Ohnmacht und Hilflosigkeit

Dann bekommt meine Selbstgewissheit Risse und das ist wohl auch gut so. Es ist nicht angenehm, uns mit unseren eigenen Begrenzungen zu konfrontieren, aber es aktiviert unsere Sehnsucht, uns in etwas Größerem gehalten zu fühlen. Gottgläubige nennen das vielleicht Gottvertrauen. Ich erlebe gerade in der Abwesenheit dieses Vertrauens, in Anbetracht der Schrecken auf dieser Welt, dass meine Sehnsucht wächst, Teil von etwas Größerem zu sein, was ich mir nicht verdienen kann, sondern einfach bin. In der manchmal schmerzhaften Sehnsucht stellt sich paradoxer Weise bereits etwas von dem ein, nach was ich mich sehne: das Gewahrsein meines puren Seins. Das Glück meines Daseins. So zerbrechlich es auch ist.

Ich schreibe das nicht ohne Bedenken, denn auch dieses Glück können wir missbrauchen, um der Realität und unserer Stellungnahme zu entkommen. Manche nennen das den „spirituellen Bypass“. Der kann helfen, Gefühlen der Sinn- und Hilflosigkeit zu entkommen, aber meist nicht auf Dauer. Wir können den Bypass oft daran erkennen, dass er sich irgendwann hohl anfühlt, wir ihn meinen verteidigen zu müssen oder sogar für ihn missionieren, anstatt uns wirklich getragen zu fühlen.

Von der Existenz getragen fühle ich mich dann, wenn ich dabei nichts ausschließe, weder meine Gefühle noch die Realität in mir oder um mich herum, sondern alles da sein lasse, was ist. Es ist bereits da und lässt sich bis hier und jetzt nicht mehr ändern. Was sich aber durchaus ändern lässt, ist die Richtung, die wir von hier aus einschlagen. Wir können Kriege beenden. Wir können dazu beitragen, ihnen für die Zukunft den Nährboden zu entziehen.

Auch wenn mein Beitrag zu der friedlichen, kooperativen Welt, nach der ich mich sehne, nur verschwindend klein und von inneren Widersprüchen geprägt sein mag, so mag ich auf ihn nicht verzichten. Selbst hilfreich zu werden, auch im Kleinen, ist eine Möglichkeit, nicht in Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht stecken zu bleiben, die durch den Krieg ausgelöst werden können. Selbst zu helfen, fühlt sich weniger hilflos an. Es macht mir Mut, dass die Krise nicht nur Gleichgültigkeit und Fanatismus, sondern auch unser menschliches Bedürfnis nach Hilfsbereitschaft an die Oberfläche bringt.

Ich freue mich, wenn ich dir den einen oder anderen hilfreichen Denkanstoss gegeben habe. Wer sich eingehender mit den angesprochenen Themen beschäftigen möchte, findet unten Links zu wertvollen Informationen und Anregungen.

Weiterführende Links

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
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27 Antworten zu Krieg und Frieden

  1. Danke, Saleem, für Deine erneute fundierte Analyse – die wie immer bei Dir, mit einer selbstkritischen Haltung und tiefer Selbstreflexion verknüpft ist.
    Besonders erreicht hat mich Dein Vergleich des Angriffskrieges von Putin mit einer Vergewaltigung in einer Paarbeziehung. Genau so ist es: Ein Krieg ist immer ein Überschreiten einer roten Linie – egal, was vorher war.

    • Danke Barbara! Dieser Vergleich war mir auch besonders wichtig. Mit scheint, als wenn manche nicht zwischen der Bereitschaft, beide Seite zu verstehen und dem Überschreiten von roten Linien unterscheiden können.

  2. Stefan sagt:

    Klasse Statement!!! Es waren halt hochgeruestet Armeen die den Nazispuk beenden mussten. Der Pazifismus hat das nicht geschafft. Manche Aggressionen lassen sich nicht wegatmen oder weglieben.
    Das ist schmerzhaft aber nun mal die Lebenswirklichkeit. Max Weber unterscheidet die Gesinnungsethik und die Verantwortungsethik. Sich auf die Gesinnungsethik zurückziehen ist der einfachere Weg, da ich mir da nicht die Finger schmutzig mache. Stürze ich mich in den Kampf gegen den Aggressor, dann ist die Chance verdammt hoch mich schuldig zu machen.

  3. Stone sagt:

    Danke dir für das Formulieren, wofür ich keine Worte fand. Mir hilft deine Sicht, deine Sprache mich nicht alleine zu fühlen. Und das tut in dieser schweren Zeit saugut

  4. seinswandel sagt:

    Auch von mir Danke für diesen kritischen, reflektierten und sorgfältig abgewogenen Artikel!

  5. Reinhard Schubert sagt:

    Ich kann mich da nur anschließen, erneut schaffst du es, sehr differenziert auf diese Lage zu blicken, Worte dafür zu finden, wo sie sich mir entziehen und meinen Blick für all die beteiligten Facetten zu schärfen!!

  6. Dorothee sagt:

    Lieber Saleem,
    nach gefühlt 100 Jahren fühle ich nun einen Impuls dir zu schreiben.
    Die Visualisierung, daß es eine große Zahl kompetenter, gutmeinender Menschen in der Welt gibt, hilft mir, mich nicht mehr zu überfordern und voller Hoffnung zu bleiben.
    Viele sehen diese Zeit als Krise, ich bevorzuge den Begriff der Neuausrichtung. Ich möchte sehr dazu beitragen, dass diese Neuausrichtung auch für alle gelingt – ökologisch, sozial und nachhaltig.
    Die Wege der Geschichte sind verschlungen. So hat Putin jetzt schon mehr zur Einigung der EU beigetragen als Gespräche und Verträge. ( Das heißt natürlich nicht dass beide unnütz wären). Nur wir können halt nicht in die Zukunft schauen.
    Die Situation augenblicklich ist tatsächlich extrem gefährlich.

    Was können wir als Einzelne also tun?
    Das hawaianische Vergebungsritual “ Ho opono opono“ sagt, dass wir die Probleme in jedweden Konflikten dadurch vermindern oder gar lösen können, indem wir die Motive der Beteiligten in uns selbst erlösen.
    Was sind die herausstechendsten Motive Putins? Sein Wille zu herrschen, Missachtung anderer, sein Mangel an Mitgefühl ( z.B. mit seinen jungen gefallenen Soldaten und deren Mütter oder mit den schlimm verletzten Ukrainischen Kindern), seine Unfähigkeit eigene Fehler einzugestehen oder zu “ verlieren“, sein Ego ( Geltungsdrang), sein Unterlegenheitsgefühl und seine Bedürftigkeit.
    Ich denke diese Eigenschaften haben wir alle auch. Es ist bestimmt gut für die Welt und für uns, wenn wir uns diesen Gefühlswelten zuwenden und sie erforschen und , nach Ekel und Abwehr, schließlich in die Arme nehmen.

    Liebe Grüße
    Dorothee

    • Markus Koch sagt:

      Liebe Dorothee, lieber Saleem,

      mich erinnert Dein Hinweis auf die verschlungenen Wege (des Lebens – oder auch „Gottes Wege sind unergründlich“) sehr an eine Geschichte von Osho (?), in der er erklärt, warum er einen Mörder nicht verurteilen wird, genauso wenig wie einen Hilfsbereiten heiligsprechen. Den einen, weil er eines Tages hilfsbereit sein könnte, den anderen, weil er vielleicht Tags drauf schon zum Übeltäter werden könnte.
      Und so wäre es vielleicht angebracht, als EU, als „Westen“, diesem üblen Spiegel „Putin“ tatsächlich mitten im Wahnsinn die Hand zu reichen und Danke zu sagen, für das, was Dorothee hier kurz skizziert.
      Dazu würde es aber wohl einer annähernden „Größe der Bewusstheit“ eines Jeschua‘ (ich mag diesen Namen lieber als Jesus) bedürfen, in uns – um eben spirituell gesehen wirklich Friedensstifter*in zu sein, mit allen weltlichen Konsequenzen.

      In Deinen (@Saleem) Gedanken hier finde ich mich plötzlich in einem eigenen inneren Annäherungsprozess genau zu dieser lichtvollen Haltung wieder. Daher Danke für diesen Raum, den ich so unvermittelt betreten darf.
      Es fühlt sich dabei auch so an, als wenn auch Du hier in eine Grenzregion Deiner Selbst vordringst, die noch nicht ganz erleuchtet ist.
      In mir ist da eine Enge, eine Angst.

      Mit dem Teilen dieser Worte hier verlasse ich ein wenig die eigene Komfortzone und zeige mich ein wenig mehr.

      Und vielleicht ist es ja genau das, wie es auch Putin letztlich geht, in seinem Ego-Kern. Dieses Gefühl hat mir bei der Aufzählung (@Dorothee) gefehlt.
      Und wenn ich mir überlege, wie verängstigte Tiere (incl. Mensch) u.a. reagieren, und wenn ich bedenke, wie wenig vertrauenswürdig und kriegerisch aggressiv die USA seit 1945 die Welt in Atem halten, samt einer EU, die noch immer (davon mitprofitierend) an deren Rockzipfel hängt (kindlich, un-erwachsen), dann kann ich nur ahnen, welche
      kollektive Trauma-Angst der „Russen“ sich in Putin womöglich subsummieren.

      Ich oute mich auch gerne als aktuell wenig speziell-empathisch mit den Ukrainer*innen, da ja auch viele „verführte“ Söhne von russischen Müttern sterben, genau wie Uiguren, Tibeter, Jemeniten, Palästinenser oder Amazonas-Indigene, und WIR „Westler“ da überall unsere Profiteur-Finger mit im Spiel haben.

      Am Ende des Tages werden wir vielleicht ja nach 2000 Jahren christlicher Kulturgeschichte, die wir gerne auf unserer Fahne tragen wenn es gerade opportun ist, nun einfach (endlich!!!) vom Geist(e) Jeschuas auf Herz und Nieren geprüft?

      Wie also halten wir es mit Freund und Feind, mit richtig und falsch?

      Ich glaube Rumis Aussage bleibt essentiell (richtig). Gretchen lässt grüßen.

      Derweil waren fürs Friedenstiften im Krieg gegen die Natur (mit all ihren Lebewesen) und gegen das Wegfressen der Zukunft unserer eigenen Enkel gerade mal ein paar hunderttausend Menschen vor 2 Tagen auf der Straße. Fuxx shix!

      Da fühle ich, wie ich eigentlich gerade Jeschua-Erleuchtungs-Weg-mäßig „erst“ vor den Geldwechslern im Tempel stehe und mich frage, ob ich denen mal Beine machen sollte. Fuxx shix (hoch2)!

      Heute jedenfalls war ein friedvoller Tag, da wo ich war. Und auch das kraftvolle Ringen mit meinem 7-jährigen Neffen hatte alle Zutaten eines heilsamen Spiels.

      Glücklich grüßend, euch und alle hier

      Markus

  7. Amar sagt:

    wirklich sehr gut geschrieben, danke, Saleem, auch deine Zweifel so positiv auszudrücken, ihnen sozusagen eine Richtung zu geben oder vielleicht besser, nie die Richtung zu verlieren, hat mich berührt. Ja, du hast mir aus der Seele gesprochen!

  8. Thomas M. sagt:

    Ich zweifle etwas, ob dies hier der richtige Platz für eine politische Diskussion ist. Da sie aber nun schon mal im Gange ist, möchte ich doch einen kleinen Punkt beisteuern:

    Täter sind Täter und Opfer sind Opfer, es gibt Grenzverletzungen, die nicht zu entschuldigen sind – und das gilt selbstverständlich für Putins Angriffskrieg auf die Ukraine. Trotzdem scheint es mir einseitig, die ganze Entwicklung nun (nur?!) auf eine Böswilligkeit Putins, die seit seiner Schulzeit besteht, zurückzuführen.

    Gorbatschow hat die großartige Chance gemeinsamer Sicherheit im einen Haus Europa eröffnet. Dass der Westen, insbesondere die USA, darauf in der Folge mehr und mehr mit einer Siegermentalität reagiert haben nach dem Motto „Wer hat denn nun den kalten Krieg gewonnen?“, hat mit zur (negativen) Entwicklung in Russland beigetragen. Als ich solche Formulierungen erstmals hörte, war ich total irritiert, denn für mich hat Gorbatschow einen Beitrag zur gemeinsamen Bewältigung einer höchst gefährlichen Konfrontation geleistet – da ging es doch nicht um Sieg oder Niederlage einer Seite! G. Krone-Schmalz „Russland verstehen“ und – aus anderer polit. Richtung – H. Teltschik „Russisches Roulette“ beleuchten, wie der Westen zur Verschlechterung der Beziehung beigetragen hat.

    Kann der Westen einen Atomkrieg gegen Putins Russland gewinnen? Nein, das wäre die letzte Stufe der Konflikteskalation „Gemeinsam in den Abgrund“ (F. Glasl). Deshalb sind die Optionen des Westens begrenzt. Ein Ausweg (Waffenstillstand) wird nur möglich sein, wenn es eine gesichtswahrende Lösung für Putin (bzw. Russland) gibt. Und: Russland wird auch weiter unser großer Nachbar im Westen bleiben. Deshalb werden mittel- und langfristig Kooperation und gemeinsame Sicherheit auf der Tagesordnung bleiben müssen. Auch Kontakte auf zivilgesellschaftlicher Ebene halte ich weiterhin für notwendig.

    • Hallo Thomas,
      ich stimme dir weitgehend zu. Den Westen als Gewinner des Kalten Krieges zu bezeichnen war sicher nicht hilfreich. Ob das viel ausmacht? Die entscheidende Katastrophe (und evtl. Demütigung) in Putins Welt ist ja der Zusammenbruch der Sovietunion, ganz egal wie man ihn bezeichnt. Er will das soweit wie möglich rückgängig machen.
      Wenn wir die lupenrein faschistische Agenda von Putin & Co. übersehen oder verharmlosen, wie das sehr oft geschieht, kommen wir nicht weiter. Hier ein gute Analyse dazu, warum der Begriff Faschismus bei aller Vorsicht trotzdem passt: https://www.zeit.de/2022/13/wladimir-putin-russland-faschismus-ukraine
      Ein offener Dialog auf der Ebene der Zivilgesellschaft ist bei einem Regime, unter dem der Krieg noch nicht einmal Krieg genannt werden darf und es so gut wie keine unabhängigen Medien mehr gibt, kaum möglich, außer auf der Ebene privater Kontakte. Die werden möglicherweise sogar entscheidend sein.

      • Thomas M. sagt:

        Hallo Saleem,

        so ganz einig werden wir uns in der politischen Einschätzung Putins wohl nicht werden. Und sicher gilt auch heute, was S. Freud 1915, ein Jahr nach Beginn des 1. Weltkriegs, im ersten Satz seines Textes „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ einräumte: „Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig unterrichtet, ohne Distanz von den großen Veränderungen, die sich bereits vollzogen haben … werden wir selbst irre an der Bedeutung der Eindrücke, die sich uns aufdrängen …“

        Dass der Zusammenbruch der Sowjetunion zur „entscheidenden Katastrophe“ und sicher auch „Demütigung“ für Putin und viele andere in Russland geworden ist, hat meiner Meinung nach auch mit dem Verhalten des Westens zu tun. W.Ischinger, langjähriger Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), spricht in seinem Buch „Welt in Gefahr“ (2018, S. 104) von Putin 1 mit seiner vielbeklatschten Rede 2001 im Bundestag und von Putin 2. Dieser veränderte Putin 2 agierte in seiner Brandrede bei der MSC 2007 aus der Haltung: „Mir reicht’s! Mir ist ein fairer Deal versprochen worden, der aber nicht gehalten wurde.“ Noch zugespitzter formuliert es der französischstämmige russisch-US-amerikanische Journalist Wladimir Posner: „How the United States Created Vladimir Putin“. Seiner Meinung nach hat die Politik der USA mit ihrer Siegermentalität nach dem Ende des Kalten Kriegs maßgeblich zur negativen Entwicklung von Putins politischem Denken und Handeln geführt. (Auf die Bücher von Krone-Schmalz und Teltschik hatte ich oben schon hingewiesen.)

        Es ist unbestreitbar, dass sich auch der Westen bzw. die USA mehrfach über Völkerrecht und UN-Charta hinweggesetzt haben: Kosovo 1999, Irak 2003, Libyen 2011 sind die markantesten Beispiele dafür. Auch die mündlichen Zusagen der Außenminister Baker (USA) und Genscher (Deutschland) an Gorbatschow, dass sich die NATO nach der deutschen Wiedervereinigung nicht nach Osten ausdehnen würde, wurden später abgetan. Aber die russischen Verstöße gegen internationales Recht – Annektion der Krim, Angriffskrieg auf die Ukraine – sind einfach deutlich plumper und eindeutiger. Ich muss deshalb manchmal an ein Kind denken, das vom Lehrer gerügt wird, weil es sich schließlich gegen die – vom Lehrer unbemerkte – Piesackerei seiner Mitschüler handgreiflich wehrt. Aber das ist natürlich auch nur ein mögliches Bild. Um an Dein Bild anzuknüpfen: Eine Vergewaltigung lässt sich nicht durch ihre Beweggründe rechtfertigen. Aber die Gefühle des gekränkten, verletzten Kindes auf dem Schulhof zu erkennen, könnte vielleicht helfen, einen Ausweg aus der gegenwärtigen katastrophalen Situation zu finden.

        Eine globale Weltordnung mit einer unabhängigen Justiz und einer unparteiischen Weltpolizei, die in einer entmilitarisierten Staatenwelt für Recht und Ordnung sorgen, existiert bisher ja leider nicht. Nach zwei verheerenden Weltkriegen ist es der Menschheit immer noch nicht gelungen, die Vision von I. Kant aus seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ wirksam in die Realität zu bringen. Trotzdem bin ich – angesichts von Atomkriegsgefahr und Klimakatastrophe – überzeugt: Entweder die Menschen lernen, sich als Menschheit zu begreifen und zu organisieren oder die Gattung Mensch wird auf diesem Planeten keine große Zukunft mehr haben.

        Einen kurzen Veranstaltungshinweis erlaube mir noch:
        DI 05.04.2022, 19:00 Uhr, Evangelische Hochschule Freiburg
        Andreas Zumach: Der Ukraine-Krieg und seine Folgen für Europa
        https://www.eh-freiburg.de/veranstaltungen/der-ukraine-krieg-und-seine-folgen-fuer-europa/

        Und hier noch einige Links zu oben Erwähntem:

        Vladimir Pozner: How the United States Created Vladimir Putin
        https://www.youtube.com/watch?v=8X7Ng75e5gQ

        Genscher & Baker: „Keine Osterweiterung der NATO“:
        https://www.youtube.com/watch?v=F2iOAtNlleg

        Putin im Bundestag 2001
        https://www.youtube.com/watch?v=Dy3QGml3_V8

        Jens Siegert: Kränkung und Unschuld
        https://russland.boellblog.org/2016/04/07/kraenkung-und-unschuld/

        • Hallo Thomas,
          stimmt, wir werden uns da nicht ganz einig, außer vielleicht in der Vision einer friedlichen Welt. Immerhin.
          Vieles, was du schreibst und zitierst, finde ich bedenkenswert. Allerdings kommt für mich in der Ansicht „Wenn der Westen sich anders verhalten hätte, wäre das mit der Ukraine nicht passiert“ oder gar „Wie wir Putin kreiert haben“ paradoxer Weise ein westlicher Größenwahn zum Ausdruck, der damit gerade kritisiert werden soll. Als hinge immer nur alles von uns ab. Als hätten wir dann die innenpolitische Entwicklung in Russland unter Kontrolle gehabt.
          Die mündlichen Zusagen gegen eine Osterweiterung bezogen nicht mit ein, das die Sovietunion (bzw später Russland), die sich gerade in einer Phase der Öffnung befand, wieder zurückentwickeln würde zu einem Staat, der seine Nachbarn bedroht. Es waren vor allem die neuen Beitrittskandidaten, die als Schutz vor Russland Mitglied der NATO werden wollten und sich eben nicht vor der NATO durch ein Bündnis mit Russland schützen wollten. Warum wohl?
          Die Wurzeln der faschistisch-imperialen Agenda der russischen Regierung auf die Kränungen durch den Westen zurückzuführen halte ich für ebenso verkürzt wie die Taten von Hitler auf den Vertrag von Versaille. Ja, darin sind sich die Historiker weitgehend einig, der war ein Fehler. Aber sobald darin auch nur der Hauch einer Rechtfertigung anklingt, kippt die Argumentation in eine Opfer-Täter Umkehr.

  9. Prashanti sagt:

    Hallo Saleem,
    Mir hat dein Artikel geholfen, mein Gefühl von Sinnlosigkeit zu orten. Ohnmacht und Hilflosigkeit war mir vertraut. Aber da ist noch was Anderes, was da in meinem Bauchraum „rumkrummelt“.
    Ja, Sinnlosigkeit könnte passen
    …..jetzt wo ich das Gefühl benennen kann, kann ich es vielleicht besser integrieren und zu mir nehmen. Danke fürs „Vorfühlen“

  10. In einem Leserbrief bekam ich die Nachricht, ich würde das Geschehen politisch zu einseitig sehen. Der Westen (Nato,Deutschland) habe zu lange Putins
    Klagen wegen der Nato-Osterweiterung ignoriert. Ja, das behaupten nicht wenige.
    Meine Antwort darauf:
    Ja, Klagen Putins über die NATO-Osterweiterung gab es, allerdings sehe ich die als Teil seiner Strategie, den Angriff auf die Ukraine im Inland als einen gerechtfertigte „Militäroperation“ vorzubereiten und zu verkaufen. M.E. stecken dahinter folgende tatsächliche Motive:
    1. seine imperialen Machtansprüche, die immer unverholender zur Sprache kommen
    2. die Bedrohung seiner autoritären, inzwischen klar diktatorischen Machtstrukturen in Russland durch die Entwicklung einer offenen Zivilgesellschaft in der Ukraine, einem durch vielfältige private und wirtschaftliche Beziehungen eng verflochtenen Nachbarland.
    Dass die NATO tatsächlich die Atommacht Russland angreifen würde … ich kann mir nicht vorstellen, dass Putin sich davon ernsthaft bedroht fühlte. Das war jedoch eine erstklassige und auf den ersten Blick plausible Möglichkeit, seine imperialen Ambitionen zu verschleiern. Er hoffte, so einen Keil in den Westen treiben und unter anderen bei unseren Altlinken punkten zu können, die für Kritik an der NATO immer zu haben sind.. Er hat damit hier & da Erfolg, zum Glück aber ziemlich begrenzt.

  11. Rainer Salm sagt:

    Lieber Saleem,
    gerade wollte ich am 25.3. deiner Antwort an C.S. zustimmen, da war schon deine Antwort samt ihrem Beitrag aus dem Blog verschwunden (jetzt weiß ich besser, was ein moderierter Blog ist und freue mich über meinen Ausdruck). Gut, dass du deine Antwort jetzt am 27.3. wenigstens teilweise wieder reingestellt hast mit dem wichtigen Argument, dass Putin vor allem die offene Zivilgesellschaft in der Ukraine fürchtet. Und leider nicht nur dort.

    Nachdem ich bis Februar alle Warnungen vor einer russischen Invasion für abseitig gehalten habe, muss ich jetzt versuchen, mir die Welt neu zu erklären und dabei nach meinen blinden Flecken zu suchen. Das ist sehr schmerzhaft, weil ich in der Phase der Perestroika, für die ich große Sympathie hatte, mehrfach in Russland und Weißrussland war mit kirchlichen Solidaritätsgruppen zur Unterstützung des Versuchs eines Aufbaus einer neuen Demokratie in der Sowjetunion. Ich habe persönlich und sinnlich deren Scheitern erlebt, als Moskau dann gleichzeitig zum größten Absatzmarkt für Mercedes-Benz wurde und an Strassenrändern lange Schlangen von Menschen buchstäblich ihr letztes Hemd verkauften. Deshalb wollte ich auch deinem jetzt leider entfallenen Satz zustimmen: „Dass die russische Wirtschaft nach dem Fall der Sowjetunion brutal ausgenommen wurde und darniederlag hat viele Ursachen im westlichen Raubtier Kapitalismus, aber wesentlich auch durch die hemmungslose Ausbeutung durch alte Eliten und Seilschaften in Russland.“ Ich würde sogar sagen: die innerer Ausbeutung war um Größenordnungen schlimmer als die äußere! Und ich musste meine vergangene Kritik an den Privilegien kommunistischer Bürokraten zähneknirschend relativieren, die Oligarchen sind wirklich eine ganz andere Dimension.

    In dieser extremen Ungleichverteilung sehe ich eine wesentliche Grundlage der Putin-Diktatur. Deshalb fürchtet Putin m.E. jede demokratische (und leider häufig gleichzeitig nationalistische) Bewegung nicht nur in der Ukraine, sondern in allen ehemaligen Sowjetrepubliken und „Ostblock-Ländern“ (vgl. sein Eingreifen in Weißrussland!) und deutet sie eine in militärische Westbedrohung um.

    Wenn das aber richtig ist, wo wäre dann in der Vergangenheit die vielfach einforderte Kompromisslinie gegenüber seinen „berechtigten“ Befürchtungen gewesen? Eine (auch von mir früher geforderte) Waffenbegrenzung wäre ja verhandelbar gewesen, aber eine Demokratiebegrenzung?
    Leider werden durch solche Überlegungen nicht nur die „Mitschuld des Westens“-Thesen widerlegt, sondern auch die Kompromiss-Spielräume für die Zukunft sehr schmal. Es ist schlimm, wenn jedes Nachdenken zur Verstärkung der Apokalypse und nicht zu hoffnungsvollen Perspektiven führt.
    Danke dir, dass du dich weit ins Feld der Politik vorwagst und nicht „bei deinem Leisten“ bleibst.
    Herzlicher Gruß
    Rainer

    • Lieber Rainer,
      danke für deinen aufschlussreichen Beitrag. Deine Bereitschaft, deine Weltsicht zu überprüfen, auch wenn es schmerzhaft ist, berührt mich.
      Und mir geht es ähnlich. Je mehr ich verstehe, was in Russland in der letzten Jahrzehnten geschehen, desto bedrohlicher wird es. Ich war da vorher ziemlich naiv.
      Danke für deine Ermutigung, dem nicht auszuweichen.
      Herzliche Grüße!
      Saleem
      PS: Und danke für den Begriff des „moderierten Blogs“. Manche können das nicht von staatlicher Zensur unterscheiden, so als hätten sie das Recht, auf meinem Portal alles zu veröffentlichen, was ihnen so in den Sinn kommt. Nein, das hat Grenzen, ich beanspruche hier ggfs. mein „Hausrecht“.

  12. Pingback: Erfahrungen in Workshops und das „echte Leben“ | Saleems Blog

  13. Rainer Barth sagt:

    Lieber Saleem,
    danke Dir und auch besonders den Ausführungen und Gedanken von Thomas M. und Rainer Salm weiter oben.
    Alle Perspektiven und Gedanken dazu halte ich für wertvoll und nachdenkenswert. In einem Krieg gibt es nicht nur ‚den Täter‘ und ‚die Opfer‘. Das Bild von Thomas mit dem Kind auf dem Schulhof gefällt mir sehr gut. Wir sind alle in irgendeiner Form an einem Konflikt beteiligt und sei es nur durch unsere Reaktion darauf. Wir haben mit unseren Antworten und Reaktionen zu jedem Zeitpunkt Einfluss auf die weitere Entwicklung des Konflikts und somit auch eine Verantwortung. Ich glaube deshalb auch, dass es nicht um Rechtfertigung, sondern eher um Verantwortung geht. Verantwortung für unseren Anteil an einer Entwicklung und ob wir bereit sind den Hass und die Gewalt auch als ein Teil von uns selbst zu erkennen und ‚ins Herz‘ zu nehmen. Wieviel Hass, Gewalt, Machtstreben, Verstoß gegen das Völkerrecht gab es in der Vergangenheit auf Seiten des Westens, der NATO und der USA? Und wird dieser Anteil auch gesehen und eingestanden? Und natürlich rechtfertigt das nicht die ‚faschistisch-imperialen Agenda der russischen Regierung‘ oder den Angriffskrieg Russlands, aber Hinweise auf unseren Anteil daran, kann es schon geben. Zudem gibt es in diesem Krieg eine außerordentliche Propaganda auf beiden Seiten. Was wirklich geschieht und wer wofür verantwortlich ist (Krankenhaus Mariupol, Butscha u.a.) können wir nicht mit Sicherheit sagen. Es wird gelogen, verdreht, ‚geframt‘ und manipuliert auf allen Ebenen und mit allen Mitteln von beiden Seiten. So wird es aber von keiner Seite dargestellt.
    Dennoch möchte ich die westliche Propaganda nicht auf eine Stufe mit der russischen stellen. In Russland gibt es so gut wie keine freie Presse mehr und zudem einen extrem perfiden Druck auf alle, welche eine abweichende und den Vorgaben nicht entsprechende Meinung vertreten. Bis hin zu Gefängnisstrafe und Lebensgefahr. Wie sehr wir von den Medien beeinflusst und manipuliert werden, ist den meisten gar nicht bewusst. Insbesondere in den letzten zwei Jahren ist das mehr als deutlich geworden.

    • Lieber Rainer,
      danke für deinen Kommentar und den Hinweis, dass es um die Pressefreiheit in Russland krass viel schlechter bestellt ist als bei uns. Das wird nämlich nicht selten übersehen. Und übrigens, ich fühle mich nicht manipuliert, dazu gehört ja auch, dass man sich manipulieren lässt. Es gibt bei uns nach wie vor sehr viel gut recherchierten und auch kritischen Journalismus. Es gehört allerdings eine gewisse Medienkompetenz dazu, seriösen Journalismus von Propaganda zu unterscheiden.

  14. Stephan sagt:

    Hallo Saleem,

    danke für deinen sehr offenen nach dem rechten Weg suchenden Blog-Beitrag. Ich war in den letzten Wochen auch selbst hin- und hergerissen zwischen Pazifismus, den ich sehr schätze, und der Sehnsucht nach einer dritten Instanz, die mit Stärke den Angreifer stoppt. Es ist die alte menschliche Schwierigkeit, Gewalt zu reduzieren, wenn sie einmal offen ausgebrochen ist.

    Bei anderen Punkten ist meine Sicht jedoch eine ganz andere.

    Was mich erschüttert hat, war und ist, wie sehr sich die Wahrnehmung und die Reaktion auf den Ukraine-Krieg unterscheidet von der Wahrnehmung und Reaktion auf andere Konflikte. Wenn sonst die Geflüchteten jahrelang von den Behörden mit widersprüchlichen Bescheiden, Hinhalten, Residenzpflicht u. a. drangsaliert werden (das hier ist nur eines von vielen Beispielen: https://leylameryembleiben.noblogs.org/ ), werden die Ukraine-Flüchtlinge sofort hereingelassen und kriegen einen Platz. Sicher ist es richtig, sie gut zu behandeln, so sollte es immer ablaufen. Aber warum nicht für alle, warum jetzt auf einmal so ganz anders?

    Wenn sonst über Kriege am Rande berichtet wurde, sie weit weg waren, wird nun dieser Krieg medial so in den Mittelpunkt gestellt, als wenn es unserer wäre. Das Leiden und Sterben in anderen Kriegen ist doch genauso schlimm. Es heißt, die Welt sei seit dem 24. Februar eine andere; aber das stimmt nicht, sie war vorher auch nicht besser.

    Ich hab mich gefragt, woher kommt diese so andersartige Berichterstattung und diese so andersartige Wahrnehmung und Reaktion. Da können jetzt die Meinungen auseinandergehen. Und ich fürchte, dass die folgenden Überlegungen dazu führen, dass mein Blog-Beitrag entfernt wird. Ich will sie dennoch, jedoch vorsichtig, äußern. Ich halte es nämlich für wichtig, die Situation gut zu analysieren; falls wir uns was vormachen, geht die Antwort ins Leere.

    Es wirkt auf mich, als ob diese Berichterstattung gelenkt und interessen-geleitet ist; auf welchem Weg auch immer und sei es nur durch die gemeinsame aufgeregte Sicht derer, die in den großen Medien schreiben. Wem mag dies nutzen, cui bono, hab ich mich gefragt. Falls es sich um manipulierende Berichterstattung, um westliche Propaganda handeln sollte, sollen wir ja offensichtlich Partei ergreifen für die Ukraine und Putin für böse halten (dabei ist es zunächst unerheblich, ob dies wirklich ist). Wem nutzt dies? Meine Hypothese ist, dass es sich um einen Machtkampf zwischen den USA und Russland handelt, genauer: der wenigen ganz Reichen in den USA gegen die wenigen ganz Reichen in Russland und den anderen Sowjetunions-Nachfolgestaaten. Es wurde auch mal so formuliert: die herrschende Klasse der USA hat sich für Krieg entschieden in einer Situation in der es ihrem Land schlecht geht. Nur: das Interesse der US-Oligarchen ist genausowenig meines wie das der russischen, ukrainischen usw. Oligarchen.

    Das fatale daran ist dann, dass unsere an sich berechtigte Sorge um die Menschen in der Ukraine und die Ablehnung des wirklich unberechtigten russischen Kriegsangriffs so einer Propaganda-Strategie, falls es sie gibt, in die Hände spielt. So richtig es ist, den aus der Ukraine geflüchteten Menschen zu helfen, und so richtig es ist, die autokratischen und faschistichen Seiten von Putins Regime zu sehen, so sollten wir uns nicht vor einen Karren spannen lassen.

    Es erschreckt mich, wie überflutet mit gelb-blau, den ukrainischen Nationalfarben, die Öffentlichkeit in den letzten Wochen war, auch öffentliche Gebäude wurden so angestrahlt, der Regierungs-Chef der Ukraine kriegt einen Bildschirm-Auftritt im Bundestag; wenn der deutsche Regierungs-Chef am 27.2. die Bundestags-Abgeordneten mit einer 100-Milliarden-Euro-Sonder-Investition in Rüstung überrascht, halten die Abgeordneten Standing Ovations, auch SPD und Grüne, genauso wie CDU/CSU und FDP. Solche Verschiebungen in Wahrnehmung und Reaktion erschrecken mich.

    Und eine Bitte, weil der Punkt in den vorangegangenen Diskussionsbeiträgen noch nicht erwähnt ist: Übersehe bitte nicht die faschistischen Seiten der Ukraine. Da gibt es die Berichte, dass der pro-westliche Umsturz 2014 von der USA bzw. deren CIA beeinflusst war und sich rechts-extremer Schlägertrupps bediente, die als Asow-Bataillon bis heute Teil der ukrainischen Armee sind. Und hier ist der Bericht über das Massaker durch Rechtsextreme an Linken Aktivist_innen oder Gegendemonstant_innen in Odessa, das im Kontext dieses pro-westlichen Umsturzes 2014 geschah und bis heute keine juristische Aufarbeitung erhielt: https://www.jungewelt.de/artikel/425624.massaker-in-der-ukraine-erinnerung-an-odessa.html?sstr=odessa Diese faschistische Schlagseite der Ukraine wird in unserer Berichterstattung oft hinter dem Erstarken von Demokratie und Zivilgesellschaft verborgen, das es durchaus auch geben mag.

    In dem Ziel der Gewaltfreiheit und des Friedens sind wir uns bestimmt einig, bei allem Ringen um die richtige Reaktion.

    Stephan

    • Hallo Stephan,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar.
      Ja, völkerrechtswidrige Kriege (klingt schauerlich juristisch) gab es auch vorher, und doch hat dieser Krieg in Anlass, Ausmaß und Brutalität eine andere Dimension. Und er betrifft uns unmittelbarer, gesellschaftlich, geografisch, wirtschaftlich und politisch. Man kann das kritisieren, aber ich finde es im Wortsinne naheliegend, dass darüber bei uns mehr berichtet wird als über andere Kriege.
      Leider ist die Frage „cui bono?“ seit einiger Zeit diskreditiert. Sie ist die Lieblingsfrage vieler Verschwörungsmythen, denn mit ihr lässt sich alles Mögliche als plausibel darstellen. Z.B. auch, dass die Regenschirmindustrie weitgehend für den Regen veranwortlich ist (genau: wem nutzt wohl der Regen!!!). Nun hat sie sich aber mit mächtigen anderen Interessengruppen angelegt, z.B. den Herstellern von Bewässerungssystemen, und die Dürren nehmen weltweit zu. Das wusstest du nicht? Kein Wunder, die Begründung für die Dürren ist auch völliger Unsinn, außer dass sie illustriert, welchen Unsinn man mit der Frage „cui bono“ herleiten kann.
      Zur „faschistischen Schlagseite“ der Ukraine. Über das Asow-Regiment wurde hierzulande sehr wohl berichtet. https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/asow-regiment-ukrainische-helden-oder-extremisten,T2nKOyA
      Du scheinst das überzubewerten. Bei den Parlamentswahlen 2019 haben die Rechtsradikeln sehr wenige Stimmen bekommen, weit weniger als bei uns die AfD. https://de.wikipedia.org/wiki/Parlamentswahl_in_der_Ukraine_2019
      Ist Deutschland also schon wieder auf dem Weg zum Faschismus, wie das russische Regime nicht müde wird zu behaupten? Ja, es gibt Faschisten auch bei uns. Nur sind die erstaunlicher Weise oft auf der Seite Putins. Oder eben gar nicht erstaunlich, wenn man sich die faschistische Entwicklung in Russland anschaut.
      Zur Widersinnigkeit der russischen Propaganda passt hervorragend, dass AfD-Politiker dort immer wieder hofiert werden. https://www.tagesschau.de/investigativ/kontraste/afd-russland-117.html
      Ja, es gibt wohl große Meinungsunterschiede zwischen uns.
      Und ja, im Ziel der Gewaltfreiheit und des Friedens sind wir uns einig, Stephan. Immerhin und gut so.

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