Gefühle sind unser Kompass

Liebe Leserin, lieber Leser,
wie geht es dir gerade, wie fühlst du dich?

  • Gut?
  • Geht so?
  • Muss ja?

Und wie geht es dir mit dieser Frage? Wirst du gerne nach deinen Gefühlen gefragt oder ist dir dabei unbehaglich?

Gefühle sind wertvoll

Gefühle sind wesentlicher Teil unseres Menschseins. Früher wurden sie oft gegenüber den Leistungen des Verstandes abgewertet,  doch inzwischen stehen sie in unserer Gesellschaft hoch im Kurs. Soweit so gut. Kaum ein Interview kommt heutzutage noch ohne die Frage aus: Wie haben Sie sich gefühlt, als … (wahlweise fortzusetzen mit: als Sie den ersten Matchball verwandelt, die letzte Wahl verloren oder davon erfahren haben, dass Ihre Partnerin sie betrügt usw.).

Die Entwicklung hat aber auch Schattenseiten. Drei Phänomene fallen mir dabei  besonders auf:

  1. Die Angewohnheit, Gefühle lediglich zu bewerten und nicht näher in ihrer jeweils eigenen Qualität zu erfassen.
  2. Die Jagd nach den guten Gefühlen und die Vermeidung der schlechten.
  3. Die Tendenz, sich aus gesicherter Distanz an den Gefühlen anderer zu laben, anstatt seine eigenen zu fühlen.

Gefühle helfen uns zu navigieren

Leider gehören unsere Gefühle in unserer Kultur zu den am häufigsten missverstandenen Phänomenen. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass es erstrebenswert sei, möglichst viele „gute Gefühle“ zu erleben und die „schlechten Gefühle“ so weit möglich aus unserem Leben zu verbannen. Das ist verständlich, aber so verpassen wir das Potenzial, das alle Gefühle für uns bereit halten. Gefühle helfen uns, in unserem Netz von privaten und beruflichen Kontakten selbstbestimmt zu navigieren und Beziehungen bewusst zu gestalten. Dafür brauchen wir alle Gefühle, denn sie sind Signale, die uns im menschlichen Kontakt Orientierung bieten und mit deren Ausdruck wir für andere sichtbar und einfühlbar werden.

Wenn wir die sogenannt schlechten Gefühle (das sind im Wesentlichen Angst, Trauer, Wut und deren Kombinationen) verdrängen, fehlt uns die darin enthaltene Kraft, unser Leben gemäß unseren Bedürfnissen und Werten zu gestalten und ggfs. zu verändern. Stattdessen werden wir durch jeden manipulierbar, der sich unsere Abwehrstrategien gegenüber ungeliebten Gefühlen zunutze macht. Die emotionale Dynamik in vielen nahen Beziehungen besteht zu einem großen Teil aus gegenseitiger – allerdings meist unbewusster – Manipulation. Woran wir das merken? Die Lust aufeinander und die Liebe füreinander nehmen immer weiter ab.

Wie wir manipuliert werden

Unsere große Anfälligkeit für Manipulation machen sich auch gesellschaftliche Kräfte zunutze. Sie appellieren unterschwellig an unsere unverarbeiteten Emotionen und instrumentalisieren sie für ihre Zwecke. So kaufen wir dann Dinge, die wir gar nicht brauchen, reiben uns in Jobs auf, die keinen Sinn ergeben, binden unsere Aufmerksamkeit mehr an digitale Medien als an menschliches Miteinander oder wählen Parteien, die unsere Interessen nicht vertreten und die mehr das nächste Wahlergebnis als das Wohl der Gemeinschaft im Auge haben.

Ist es nicht etwas übertrieben, das alles auf unverstandene und nicht gefühlte Emotionen zurückzuführen? Ich fürchte, das ist noch untertrieben, auch wenn es natürlich viele weitere Faktoren gibt, die unser individuelles und kollektives Leben beeinflussen.
Gefühle, die wir nicht spüren wollen oder können und verdrängen, sind damit nicht aus der Welt. Wir packen sie in einen „emotionalen Rucksack“, von wo aus sie unser Leben mehr steuern als die meisten Menschen ahnen, und zwar auf höchste ungesunde Weise (zum gleichnamigen Buch von Vivian Dittmar habe ich eine Rezension geschrieben).

Liebevolle Gemeinschaft

Ein heilsames Gegenmittel gegen diese verbreitete Tendenz steht als Einladung im Zentrum der Schule des Seins: „Lass dich fühlen …“ Ich wünsche mir von ganzem Herzen, mit meiner Arbeit dazu beizutragen, dass wir Menschen immer mehr aufwachen und uns zunehmend an unseren echten menschlichen Bedürfnissen orientieren. Gefühle sind dabei unsere Wegweiser. Es beglückt mich in jedem einzelnen Seminar miterleben zu dürfen, dass daraus kein ausufernder Egoismus entsteht („me first“), sondern eine liebevolle Gemeinschaft, die unsere individuelle Unterschiedlichkeit respektiert und feiert.

Vielleicht magst du dich am Ende dieses Textes noch einmal fragen, wie du dich jetzt fühlst? Habe ich Knöpfe in dir gedrückt? Magst du dich dem zuwenden, was in dir berührt ist?

Wenn du darauf gerade keine Lust hast: Lass es einfach bleiben und genieße den Tag!

Herzliche Grüße

Saleem Matthias Riek

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
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1 Antwort zu Gefühle sind unser Kompass

  1. Bernd Haffner sagt:

    Hi Saleem
    Das ist das geilste Thema überhaupt Gefühle wirklich fühlen
    und vor allem die Gefühle die ich nicht fühlen will das ist
    für mich die reinste Möglichkeit wach zu sein und wach zu bleiben!
    LG
    Bernd

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