Freiheit, Bindung und die Qual der (Partner-) Wahl

Im Tantra beschäftigen wir uns viel mit Eros und Liebe, mit deren Energie, mit deren Unterschieden, aber auch mit ihrer Verbindung. Das sind spannende und schier unerschöpfliche Themen. Ein wichtiger Aspekt wird dabei allerdings oft vernächlässigt: Wie binden wir uns an andere Menschen und wie können wir eine Bindung ggfs. auch wieder lösen, ohne uns zu verletzen? Im Sommerworkshop des Jahrestrainings hat sich dieses Thema in den Vordergrund geschoben, und ich bin davon so begeistert, dass ich am liebsten gleich ein neues Buch darüber schreiben würde. Das wird aber wohl nochfroschteich etwas dauern…

Ein Thema, was damit in engem Zusammenhang steht, ist die Partnerwahl. Wie kommen wir, und sei es auch nur für eine Übung oder Begegnung, überhaupt zusammen? Wahlsituationen in Workshops sind heikel (aber natürlich nicht nur dort). Während ich eine Übung erkläre, denken viele bereits daran, mit wem sie diese gerne machen würden. Oder vielleicht noch brisanter: mit wem auf keinen Fall?

Obwohl in allen meinen Gruppen niemand etwas tun muss, was er oder sie nicht tun will, egal mit welchem Partner, fühlen sich Wahlsituationen für viele besonders brisant an. Sie berühren existenzielle Lebensthemen. Bekomme ich, was ich brauche oder will? Finde ich meinen Platz in einer Gemeinschaft oder bleibe ich „übrig“? Werde ich angenommen, wie ich bin? Kann oder darf ich Grenzen setzen?

Übungen leite ich gerne so an, dass jede und jeder sie gemäß eigener Bedürfnisse und Fähigkeiten selbst dosieren kann. Bei Wahlsituationen ist dies nur bedingt möglich. Ich kann die Wahl zwar so anleiten, dass sie leicht und spielerisch daherkommt, aber ich kann und will Menschen nicht zusammenzwingen. Daraus ergibt sich, dass ich nicht grundsätzlich verhindern kann, dass jemand bei einer Wahl keinen Partner oder keine Kleingruppe auf Basis gegenseitigen Einvernehmens findet. Ich kann bestenfalls Achtsamkeit, Bewusstheit und Transparenz in die Situation bringen. Das ist schon viel, verhindert aber nicht unbedingt, dass wunde Punkte berührt werden.

Das würde so direkt auch kaum jemand vom Gruppenleiter erwarten, unterschwellig vielleicht aber schon. Manche fragen bei der Anmeldung im Büro nach, ob die Anzahl von Frauen und Männern immer ausgeglichen sei. Meistens ist sie das, zumindest annäherungsweise und mit der Möglichkeit, dass Assistenten das Zahlenverhältnis ausgleichen. schirmeIn den Kursgebühren ist jedoch kein Anspruch enthalten, für jede Übung einen Partner zu bekommen, der einem genehm ist. Das hängt ja auch nicht nur vom Zahlenverhältnis ab, sondern auch von der Bereitschaft aller Begteiligten. Manchen ist es am liebsten, wenn ich bei Wahlen für alle das Zufallsprinzip walten lasse. Für manche reduziert das den Druck, aber nicht für alle, für manche erhöht er sich dadurch sogar. Daher wähle ich diesen Wahlmodus nicht ohne Einverständnis der Gruppe bzw. die Möglichkeit, ein Veto einzulegen. Meistens lasse ich in einer möglichst achtsamen Situation Teilnehmer einander selbst wählen, mit allem Herzklopfen, was damit einhergeht, auch bei mir…

Wenn ich einen Weg kennen würde, Wahlsituationen für alle angenehm und erfreulich zu gestalten, ich wäre versucht, diesen Weg zu gehen.
Aber es gibt keinen.

Wenn es darum geht, wie und mit wem wir unser Leben gestalten, und wem wir dabei begegnen, kommen wir an einer konfrontierenden Wahrheit nicht vorbei. Was wir selbst wollen, ist nicht immer das, was andere wollen, – und sei es auch nur, sich auf eine gemeinsame Übung für eine halbe oder ganze Stunde einzulassen.

Früher haben Eltern die Partner für ihre Kinder ausgesucht. In Indien z.B. geschieht dies heute noch oft. Tantra kommt aus Indien, vielleicht sollte ich das in Seminaren berücksichtigen? Wir „Westler“ tun uns schwer mit Einschränkungen zitroneunserer Freiheit, doch durch unsere Freiheit sind wir auch zur Qual der Wahl verdammt. Wenn wir uns ihr achtsam zuwenden, liegt darin allerdings auch großes Potenzial für inneres Wachstum und Reife, womöglich sogar eine Befreiung.

Indem wir entdecken und akzeptieren, dass wir nicht immer bekommen, was wir wollen, können wir wachsen und reifen. Jede Wahl spiegelt auch einen Aspekt unserer selbst, der vielleicht liebevolle Aufmerksamkeit braucht. Unsere Fähigkeit, mit den Unwägbarkeiten des Lebens umzugehen, ist oft größer, als wir denken. Selbst wenn wir uns oft noch so fühlen, sind wir keine Kinder mehr.

Wahlsituationen sind herausfordernd, kaum jemand mag sie. Sie können uns jedoch an unser Potenzial erinnern und sind daher wunderbare Gelegenheiten für Heilung und wachsendes Bewusstsein.

Oder was meinen Sie? Ich bin neugierig auf Ihre Erfahrungen und Ideen zu diesem spannenden Thema.

Herzliche Grüße aus dem Breisgau

Saleem Matthias Riek

 

 

Über Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge und lebt bei Freiburg im Breisgau. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Bisher erschienen sind "Herzenslust" (auch als Hörbuch), "Leben, Lieben und Nicht Wissen", "Herzensfeuer", "Lustvoll Mann sein" und "Mysterien des Lebens". Weitere Bücher sind in Vorbereitung, u.a. eine Romantrilogie.
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8 Antworten zu Freiheit, Bindung und die Qual der (Partner-) Wahl

  1. Lieber Saleem,
    aufmerksam habe ich Deinen Blog gelesen. Deine Feststellung „ich kenne keinen Weg,… es für alle angenehm zu machen“ hat mich aufhören lassen. Ist die größte Übung im Tantra nicht die, die „Einsamkeit als Freundin“ nicht nur zu akzeptieren, sondern sie herzlich einzuladen? Anzunehmen, dass es genau so ist, wie es ist. Dass genau das die Herausforderung ist: mit dem Getrenntsein, mit der Einsamkeit, mit dem Verlassensein in Frieden zu sein, denn dann rutscht man durch in die Liebe? Mein Lehrer sagt: „Die Einsamkeit ist das Tor zur Liebe, nur keiner will sie.“ Und aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Das ist nicht anders IN einer Beziehung – als als Single! Die Einsamkeit (das Mangelgefühl) treibt einen um, macht Streit und Unfrieden, wenn man damit nicht still sein kann. Wenn ich mich nicht der Integration des Gefühls des Übriggebliebenseins, des 3.Wahl-Seins, des nicht-das bekommen-was-ich-WILL widme, dann bleibe ich im Leben doch immer wieder genau dort hängen. Ich gebe mein Geld auf Tantra-Seminaren dafür aus, dass ich eben genau mit dem konfrontiert werde, dass ich sehe: Ah, so fühlt sich das an. Schmerzhaft, aber es geht vorüber, es wird größer, weiter, freier. Ich muss nichts mehr machen um diesem Gefühl zu entkommen. Und als Seminarleiter würde ich mich dann fragen: Ja, was ist denn das, was ich da nicht aushalte? Warum macht denn MEINE Gruppe das?
    Ich persönlich hatte das Gefühl auf Deinem Seminar, dass es bei Dir da tatsächlich eine Art „Run“ gab, so wie Du es eben beschreibst, und man eigentlich kaum einen Fuß dazwischen kriegte. Ich würde genau das in die Gruppe fragen: was ist das eigentlich, warum macht ihr das? Warum ist das nicht entspannt und will dem „Unbekannten begegnen“. Warum grenzt ihr -schon während ich rede – so viel aus? Sollen wir genau dies Gefühl nicht mal konfrontieren? Es einfach fühlen, bevor alle losrennen? (Ich kann mich erinnern, ich habe mich auch beschwert in Deinem Seminar und dann gab es einen tantrischen Tanz und das war dann schon einiges besser, aber halt immer noch ein Herumschleichen um das Gefühl, was im Raum hing). Ich schreibe grad ein bißchen munter und respektlos und denke, wahrscheinlich hast Du das alles schon durch. Gleichzeitig bewegen mich ähnliche Fragen und meine Antwort ist mittlerweile fast immer: ich frage die Gruppe, die wissen es eigentlich genau (und ich auch), es ist nur etwas, was sie (und ich) nicht so gerne haben wollen (Kontrolle abgeben, Einsamkeit, verlassen werden, Angst,…). Das Hineinfühlen öffnet manchmal die Herzen und erst dann kann ich eigentlich die Frage nach der Partnerwahl beantworten: Erst dann höre ich mein Herz, entscheide ich wirklich richtig. Und vielleicht entscheide ich mich dann sogar für etwas Größeres, z.B. auch für die Gruppe, die Gemeinschaft, das „Gesamtkunstwerk“ dieses Workshops und nicht nur für die kleinen Bedürfnisse der kleinen:
    Sabine.

    • Liebe Sabine,
      danke für das Teilen deiner Gedanken.
      Genau was du beschreibst ist in meinen Augen der Weg: uns mit allem anzufreunden, was in der Wahlsituation zum Vorschein kommt.
      Und du hast recht, ich habe es ungezählte Male in eine Gruppe gebracht, und das hat auch eine große Wirkung.
      Aber die existenziellen Themen sitzen tief, und manche verstehen zwar, dass es sich lohnen könnte, entspannter in die Wahl hinein zugehen, um dann im entscheidenen Moment… doch wieder ins Überlebensprogramm zu wechseln.
      Wachstum braucht eben neben Einfühlung auch Zeit und liebevolles Annehmen unserer Schwächen…
      Liebe Grüße Saleem

  2. Peter Ehrenfels sagt:

    Nach meinem Verständnis, gehen wir bei der Wahl eines Partners, sei es in einer tantischen Übung, oder bei der Wahl eines Liebes und Lebenspartners in Resonanz
    mit unseren polaer Gegensätzen. Gerade wenns um die Partnerwahl in einer tantrischen Übung geht, will ich es vermeiden, mit einem Menschen zusammen zu kommen, der mir Anteile in mir spiegelt die ich in mir selbst anlehne. Bei der Wahl eines Liebespartners, ziehen mich die Anteile des Menschen an, die ich beneide, und selbst gerne leben möchte.
    Sich mit diesem Verständnis auf Begegnungen einzulassen, kann meiner Meinung nach sehr wertvoll und heilsam sein.

    • Lieber Peter,
      sobald wir wirklich bereit sind, andere als unsere Spiegel zu sehen, verändert sich die Perspektive bei der Partnerwahl um 180 Grad, und jede Begegnung kann dann heilsam sein. Da stimme ich dir voll zu. Da unsere Kultur – z.B. in fast jedem Liebesfilm oder Roman – jedoch eine ganz andere Sicht progagiert, fallen wir nur leicht in die verbreitete „richtiger/falscher Partner“ – Perspketive zurück…

  3. Ekkehart Scholz sagt:

    Lieber Saleem,
    du schreibst „Wir „Westler“ tun uns schwer mit Einschränkungen unserer Freiheit, doch durch unsere Freiheit sind wir auch zur Qual der Wahl verdammt.“ Du definierst die Freiheit als äußeren Handlungsraum, in dem wir aus verschiedenen Optionen wählen können. Die Qual der Wahl ist also ein Art Kollateralschaden gewonnener Freiheit.
    Ich würde beim Begriff der Freiheit den Blick gern nach innen werfen. Sind wir, die wir bei der Aussicht auf den „falschen“ Übungspartner Herzrasen bekommen, innerlich frei? Ist die äußere Freiheit nicht ein Trugschluss, weil wir im Inneren noch Angst haben und weil wir uns schämen, dass wir uns vor dem „falschen“ Partner ein Blöße geben könnten? Weil wir uns in den Übungen, bei jeder Bewegung, bei jedem Wort fragen: Wie werde ich wahrgenommen? Wie komme ich an?

    Vor dem „richtigen“ Übungspartner aber gehen wir in einen Modus von Gefallenwollen und haben das Gefühl, unsere Schokoladenseiten zu zeigen. Ohne es genau zu wissen, warum, fühlen wir uns beim richtigen Partner aufgehoben und verstanden – (im Grunde aber fühlen wir uns nur wohl und aufgehoben mit unseren gewohnten Handlungen: dem Schwellen des Kammes, dem schüchternen Augenaufschlag…)
    So gesehen liegt die vermeintliche Freiheit nur in der Wahl zwischen Angst und Scham hier und Selbstdarstellung dort. Die Freiheit wählen zu können zwischen Angst/Scham und Selbstdarstellung ist nicht wirklich eine Wahl, wer bleibt da nicht lieber in seiner Komfortzone?

    Aber es fühlt sich innerlich sehr frei an, wenn ich mir selbst mit all meinen Unzulänglichkeiten, meinen körperlichen und seelischen „Entstellungen“ im wahrsten Sinne des Wortes schamlos begegne: Ja, all das, was ich nicht haben will, habe ich! Und ich liebe es auch an mir…
    Dann kann ich nicht nur mir, sondern auch anderen Menschen schamlos gegenübertreten und gespannt sein, wer dieser Partner wohl ist.

    Ich habe noch keinen Tantra-Workshop mitgemacht, werde aber im Oktober dabei sein… Wenn ich mir vorstelle, welche Scham ich bei einer Partnerwahl erleben könnte (und ich habe überhaupt keine Ahnung, was mich erwartet), weil ich von einer Person angesprochen werde, die die letzte ist, die mich hätte ansprechen sollen, fallen mir ein: Ich schäme mich dafür, mich überhaupt bei einem Tantra-Workshop angemeldet zu haben. Ich schäme mich dafür, sexuell bedürftig zu wirken. Ich schäme mich dafür, dass ich mittlerweile 56 Jahre alt bin und meine Gegenüber denken könnte: der Arme, jetzt noch Tantra?! Ich schäme mich für meine Scham. Ich schäme mich für meine Angst. Ich schäme mich dafür, im „falschen Moment“ (den es wahrscheinlich nicht gibt) allein – vor allen – mit einer Erektion dazustehen, dazuliegen, wie auch immer…

    Um ehrlich zu sein, hoffe ich, beim Workshop die richtige Partnerin zu finden, die nicht meine Scham aktiviert, sondern eine ist, bei der ich mir einbilden kann: die findet es klasse, dass ich zu meiner sexuellen Bedürftigkeit stehe. Die mich bewundert, dass ich mich in meinem Alter noch einer solchen Herausforderung stelle. Die es süß findet, wenn ich Angst empfinde und meine Scham zeige. Und die mich später einmal zur Seite nehmen wird und mir sagen, dass das mit meiner Erektion nicht so schlimm gewesen sei …

    Und um ganz ganz ehrlich zu sein, hoffe ich, dass ich mir meine Angst und Scham bis zum Workshop anschauen kann, hineinfühlen und annehmen, und im besten Fall völlig schamlos und damit frei bei der Partnerwahl sein werde.

    Meine Gedanken gehen ja in eine ähnliche Richtung, wie sie Peter E oben angesprochen hat…

    Gespannte Grüße
    Ekkehart

    • Lieber Ekkehard,
      danke für deine offenen Worte. Und ja, echte Freiheit liegt in uns, vor allem darin, mit uns selbst und allen unseren Aspekten Freundschaft zu schließen. Und dann kann kommmen, wer wolle…
      Herzliche Grüße
      Saleem

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